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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:38

Martin Büsser: Der Junge von nebenan

08.02.2010

Klischeefrei, unterhaltsam, ernsthaft

Martin Büsser gelingt, was die wenigstens bisher ernsthaft versucht haben: ein Kurzschließen zwischen innerem und äußeren Konflikt, zwischen Geschlechterdiskurs und versuchter Revolution. Von TINA MANSKE

 

Martin Büsser kennt man bisher vor allem als Journalist durch seine Arbeit für konkret, Jungle World oder testcard, als Musikkenner und linken Kommentator. Jetzt hat er seine erste nichtpublizistische, fiktionale Arbeit vorgelegt. In Der Junge von nebenan erzählt er die Geschichte eines schwulen Coming-outs, gepaart mit der Coming-of-age-Story eines Kindes zweier im Untergrund lebender terroristisch tätiger Eltern. Es macht die Situation der aus der Ich-Perspektive erzählenden Hauptfigur nicht eben einfacher, dass sie beides ist – homosexuell und durch die konspirative Tätigkeit der Eltern marginalisiert.

 

Es folgt eine Sozialisation mit Literatur: Genet, Grass, Hesse, Brecht, Eich und viele mehr helfen beim Erwachsenwerden in einer als feindlich empfundenen Welt. Viele Schwänze müssen gelutscht werden, bevor das Sein und das Bewusstsein zusammenkommen können. Am Ende wird die Zukunft beschworen, indem der Engel der Vergangenheit ganz profan ermordet wird, mittels eines Getränks der Kindheit, das ohne Zweifel in die 1970er-Jahre gehört.

 

Ernsthaftes Bemühen

Vieles an Der Junge von nebenan macht es einfach, das Buch nicht zu mögen: Der Text ist schwer lesbar, die Bilder illustrieren nur und fügen der Geschichte nichts hinzu, was nicht auch schon im Text stünde (daher führt es auch in die Irre, das Buch eine graphic novel zu nennen), zudem wirken sie (die Bilder) reichlich unbeholfen.

 

Das alles wird aber aufgewogen von dem ernsthaften Bemühen, das man auf jeder Seite entdeckt, nämlich das Bemühen, das Aufwachsen zwischen wiedererstarkendem Nationalismus in den 70er-Jahren in der BRD ohne die üblichen Klischees zu beschreiben und dabei sowohl unterhaltsam als auch ernsthaft zu bleiben. Außerdem gelingt Büsser, was die wenigstens bisher ernsthaft versucht haben: ein Kurzschließen zwischen innerem und äußeren Konflikt, zwischen Geschlechterdiskurs und versuchter Revolution.

 

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