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Donnerstag, 02. September 2010 | 19:47

Patrick Hofmann: Die letzte Sau

01.03.2010

Es geht um mehr als nur die Wurst

Auf einem heruntergekommenen Bauernhof südlich von Leipzig muss einen Tag vor dem zweiten Advent 1992 die letzte Sau ihr Leben lassen. Während die Schlachterin Diana Kampradt als mâitresse de cérémonie routiniert die Messer schwingt, geht es für drei Generationen der Familie Schlegel um mehr als nur die Wurst im Jahre 3 nach dem Mauerfall. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Hausschlachttage sind Familienfeste. So auch in diesem Fall. Hertha und Albrecht Schlegel, er 83, sie 73 Jahre alt, ihre drei Töchter, von denen die beiden Älteren ihre Ehemänner dabeihaben, und drei Enkel um die Zwanzig – niemand will abseits stehen, wenn es dem letzten Schwein der Schlegels an den Speck geht. Denn es gibt mehr zu verteilen als die 124,9 kg verwertbarer Ausbeute, die vom Lebendgewicht der Sau schließlich übriggeblieben sind, wenn man am späten Nachmittag sein Werkzeug wieder eingepackt hat und das Feuer unterm Kessel langsam erloschen ist.

 

Patrick Hofmann hat mit seinem Romandebüt eine Dorf- und Wendegeschichte der besonderen Art geschrieben. Stimmig und überzeugend bis ins Detail, vollgepackt mit deftigem Humor und einer Erotik, die sich hinter den naturalistisch dargebotenen Schlachtszenen nicht verstecken muss, führt der 1971 geborene Autor seine Leser mitten hinein ins Leben auf dem flachen Lande. Wie auf einer Bühne arrangiert er dabei seinen Stoff. Gut ausgeleuchtet werden Kulissen und Personal, raffiniert verschränkt die einzelnen Szenen, pointenreich ausgestaltet und mit Dialektsplittern versehen die Dialoge. Und mit einem Paukenschlag lässt er das Ganze beginnen, indem er die blutige Choreografie des Tages in die Hände von Diana Kampradt legt, einer Frau, die nur allzu bald sämtliche Säfte zum Kochen bringt.

 

Hofmann_Hörprobe

Bauernschwank, Wendegeschichte und Familienroman in einem

Allein es geht bei Hofmann um mehr als ein dörfliches Ritual, wie es so minutiös und bis aufs Grammgewicht des Dickbeins und aller anderen Organe genau noch nie in der deutschen Gegenwartsliteratur beschrieben wurde. Nicht nur von ihrem letzten Mastschwein nämlich haben sich die Schlegels an diesem denkwürdigen Tag zu trennen, sondern ihre gesamte Existenz ist an einem Wendepunkt angekommen. Wenn man in den kälter werdenden, klaren Nächten nicht in den Schlaf findet, kann man sie schon seit geraumer Zeit näher kommen hören – die sich auf Muckau, die kleine Ortschaft südlich Leipzigs, zufressenden Bagger.

Dutzende Dörfer fielen dem Braunkohlentagebau bereits zum Opfer und nach dem Schlachttag, der deshalb nicht zuletzt zu einem Tag der Abrechnung mit einem ganzen Jahrhundert gerät, in dem ein totalitäres System das andere ablöste, werden auch die Schlegels ihren Grund und Boden für immer verlassen.

 

Die letzte Sau ist deshalb ein Roman vom Abschiednehmen und Sich-neu-Positionieren, von Rückschau mit ein bisschen Wehmut und illusionslosem Vorausdenken. Während den Alten ihre bevorstehende Umsiedlung hart ankommt, sind deren Kinder schon einen guten Schritt weggekommen von den Illusionen des Gestern. Dass Albrecht und Hertha in der DDR den Traum von einem anderen, sozialistischen Deutschland mitträumten und in seinem Sinne ihre Nachkommen erzogen – noch immer liegt bei ihnen der Jugendweihe-Klassiker Weltall-Erde-Mensch herum und wird fleißig konsultiert im Verlaufe des Buches –, ist denen nicht mehr anzumerken. Nur knappe drei Jahre hat es gebraucht, um sich den gewandelten Verhältnissen anzupassen. Und während sich die jüngste Generation darüber freut, „noch mal um den Osten herumgekommen zu sein“ und ansonsten ziemlich blauäugig-unbedarft in den Tag hineinlebt, sind jene, in deren Leben einst Partei und Stasi hineinregierten, nun ganz damit beschäftigt, sich trickreich ihren Anteil zu sichern an all den Dingen, die neu zur Verteilung kommen. Dass man sich dabei gegenseitig auszutricksen sucht, scheint ganz ein Zug der neuen Zeit zu sein.

 

Um den Osten herumgekommen

Weil der aus dem sächsischen Borna stammende Autor nicht mehr der Allerjüngste ist, bringt er eine Menge Lebens-, Zeit- und natürlich auch Leseerfahrung in seinen Roman ein. Das schlägt nicht zuletzt zu Buche in einem Zitatenschatz, der von Luther, Böll, Kafka und Stalin, Marx, Fontane, Hilbig und etlichen anderen aufnimmt, was nur irgendwie verwendbar ist. Freigebig über den gesamten Text verstreut wie die Gewürze, die, unter die warme Wurstmasse gemischt, für deren Wohlgeschmack sorgen, sollte man diese Einsprengsel nicht als billige Bildungshuberei abtun. Wer sich von ihnen einladen lässt, über die Ränder des Romans hinauszulesen, kommt keineswegs vom Thema ab, sondern erschließt sich eine weitere Dimension dieses gelungenen Erstlings.

 

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