Bauernschwank, Wendegeschichte und Familienroman in einem
Allein es geht bei Hofmann um mehr als ein dörfliches Ritual, wie es so minutiös und bis aufs Grammgewicht des Dickbeins und aller anderen Organe genau noch nie in der deutschen Gegenwartsliteratur beschrieben wurde. Nicht nur von ihrem letzten Mastschwein nämlich haben sich die Schlegels an diesem denkwürdigen Tag zu trennen, sondern ihre gesamte Existenz ist an einem Wendepunkt angekommen. Wenn man in den kälter werdenden, klaren Nächten nicht in den Schlaf findet, kann man sie schon seit geraumer Zeit näher kommen hören – die sich auf Muckau, die kleine Ortschaft südlich Leipzigs, zufressenden Bagger.
Dutzende Dörfer fielen dem Braunkohlentagebau bereits zum Opfer und nach dem Schlachttag, der deshalb nicht zuletzt zu einem Tag der Abrechnung mit einem ganzen Jahrhundert gerät, in dem ein totalitäres System das andere ablöste, werden auch die Schlegels ihren Grund und Boden für immer verlassen.
Die letzte Sau ist deshalb ein Roman vom Abschiednehmen und Sich-neu-Positionieren, von Rückschau mit ein bisschen Wehmut und illusionslosem Vorausdenken. Während den Alten ihre bevorstehende Umsiedlung hart ankommt, sind deren Kinder schon einen guten Schritt weggekommen von den Illusionen des Gestern. Dass Albrecht und Hertha in der DDR den Traum von einem anderen, sozialistischen Deutschland mitträumten und in seinem Sinne ihre Nachkommen erzogen – noch immer liegt bei ihnen der Jugendweihe-Klassiker Weltall-Erde-Mensch herum und wird fleißig konsultiert im Verlaufe des Buches –, ist denen nicht mehr anzumerken. Nur knappe drei Jahre hat es gebraucht, um sich den gewandelten Verhältnissen anzupassen. Und während sich die jüngste Generation darüber freut, „noch mal um den Osten herumgekommen zu sein“ und ansonsten ziemlich blauäugig-unbedarft in den Tag hineinlebt, sind jene, in deren Leben einst Partei und Stasi hineinregierten, nun ganz damit beschäftigt, sich trickreich ihren Anteil zu sichern an all den Dingen, die neu zur Verteilung kommen. Dass man sich dabei gegenseitig auszutricksen sucht, scheint ganz ein Zug der neuen Zeit zu sein.