Seine Vielseitigkeit bewies er bereits mit Will Kacheln, einer Zusammenstellung von Bühnentexten zu meist obskuren Begebenheiten, die erst durch seine Nachdichtung erwähnenswert werden, und mit Spätwinterhitze, einem in schwarz-weißer Old-school-Grafik gehaltenem Noir-Pc-Spiel. Nun also ein erneuter Genrewechsel, der auf den ersten Blick auch ganz geglückt scheint.
Der in der Öffentlichkeit verstorben geglaubte Autor Schelling erwacht nach siebzehn Jahren aus dem Koma, und in dem Maße, wie die Sinne ihn erst peu à peu wieder ermöglichen, seine Umwelt und sich selbst wahrzunehmen, wird auch der Leser häppchenweise in den Plot hineingezogen. Aus der Perspektive des wiedererwachenden Autors erzählte Passagen wechseln sich ab mit denen eines außerhalb stehenden Erzählers, der warme Ton bleibt derselbe.
Alle Figuren kreisen wie emsige Bienen um Schelling, der, selbst jeglichen Gefühls beraubt, mitansieht, was die anderen mit ihm vorhaben. Da ist zum Beispiel der Chefarzt Böger, dem das Projekt aus Prestigegründen besonders am Herzen liegt. Sein Stellvertreter Kruschke, ein windiger, undurchsichtiger Kronprinz, lauert jeden Moment darauf, dessen Posten zu übernehmen und endlich die (seiner Ansicht nach) dringenden Veränderungen im Aufwecken der Langzeit-Komapatienten vorzunehmen. Schelling ist nicht der einzige Wiederbelebte, aber durch seine Popularität für die Außenwirkung der Klinik ungemein wichtig, da diese die neuen, bahnbrechenden Erkenntnisse nun der Öffentlichkeit präsentieren will.
Ziel und Handlung des Buches sind es, Schelling wieder an sein gewohntes Leben heranzuführen, das sich durch den Tod seiner Frau und das Erwachsenwerden seiner Tochter in der Zwischenzeit grundlegend geändert hat. Und natürlich wünscht die zahlreiche Leserschaft des Autors Schelling, dass er seine Schreibtätigkeit wieder aufnehmen möge. Der letzte Roman blieb seinerzeit unvollendet und die Deutungen des möglichen Schlusses haben die Literaturkritik immens beschäftigt. Vor allem der Verleger Heitmann würde von weiterem „Stoff“ profitieren. Ihn trifft Schelling auf Geheiß eines mysteriösen Greises, sein ehemaliger Zimmernachbar in der Klinik. Dieser hat etwas mit ihm vor, lässt Schelling über Weiteres allerdings im Unklaren. Enthüllungen kündigt er an und weicht als dunkler Gegenspieler zum Weißkittel Böger dem willen- und etwas seelenlosen Schelling kaum noch von der Seite. Während seine Umwelt ihn manipuliert, hat sich Schilling noch nicht entschieden, ob er über seine Rückkehr glücklich sein soll oder nicht. Wellenartig wird das Textgebilde heller (Schelling erwacht von den Toten), entwickelt dann im diffusen Aufleuchten von Wohn- und Schlafzimmern oder dem grellen Licht der Krankhausgänge eine matte Art von Leben, um schließlich erneut in Dunkelheit zu versinken.