Generationendrama
Marta und Lena kennen sich von früher aus São Paulo, jetzt begegnen sie sich wieder in Prag beim „Luft holen“, die Diktatur ist inzwischen gestürzt. Und wenn schon viele Fäden und gestrickte Verbindungen, dann ist es ein netter Einfall, dass auch die beiden mit selbst gestrickten Sachen ihr Geld verdienen, da gehen unzählige Wollfäden durch beider Hände.
Luiza strickt auch. Im Gegensatz zu Marta und Lena ist die dritte Ich-Erzählerin die Tochter deutscher Auswanderer in Brasilien. Das riesige Land fungierte damals als großes Auffangbecken von Menschen aus ganz Europa, die der Krieg und seine Folgen fortgetrieben haben. Noch heute hat die tschechische Gemeinde in São Paulo ungefähr 500 Mitglieder. Der Verstrickungen aber nicht genug: Luiza ist mit dem geheimnisvollen Doppelagenten und ehemaligen KZ-Häftling Yaromir verheiratet, ein- und derselbe aus Böhmen stammende Jaromír mit J wiederum war vor dem Krieg die große Liebe von Maruška. Maruška, die vierte Erzählerin, ist in Prag geblieben, als er wegging. Beide führen über Jahre hinweg einen Briefwechsel. Wenn überhaupt eine Hauptfigur benannt werden soll, dann ist es die mit der schwächsten Stimme, Yaromir. Von ihm sind wenige Briefe und Tagebucheintragungen bekannt. Seine Person wird dafür von den ausgelegten Fäden eingewickelt, an ihm bekommt das Generationendrama um Liebe, die Suche nach Heimat, Nazigräuel, Flucht und Exil ein besonderes Gewicht.
Der eng geführte Wechsel der Ich-Perspektiven, die Polyphonie des Romans, erweist sich dabei als künstlerisch halbwegs geglückt. Authentisch ja, aber zu ähnlich klingen die Stimmen von Marta und Lena, von Luiza und Maruška. Das mag auch das Fragmentarische des Romans ausmachen.