Øyehaug: Ich wär so gern wie ich bin
18.10.2010
Ich wäre gern so wie ein Drehbuch
Ein Debütroman sagt oft mehr über seinen Autor aus, als über dessen Fähigkeit zu schreiben. Im Fall von Gunnhild Øyehaug, bezeugt Ich wäre so gerne so wie ich bin, dass die Autorin lieber Drehbuchautorin hätte werden sollen. Von DANIEL WÜLLNER
Anstatt ihre literarische Laufbahn mit einem einfachen Liebesroman zu starten, konstruiert die Norwegerin Gunnhild Øyehaug ein facebookartiges Netzwerk aus Freund-, Bekannt- und Liebschaften. Um das Navigieren zwischen den einzelnen Figuren zu erleichtern, ist der Roman in drei Kapitel mit entsprechenden Unterkapiteln eingeteilt. In jedem Unterkapitel folgt Øyehaug einer der Hauptpersonen. Die Leser werden in der Rolle des komplizenhaften "Wir" mitgenommen. Die Sprünge zwischen den einzelnen Handlungssträngen wirken wie filmische Parallelmontagen. Damit aber dennoch alles fein säuberlich aufgeräumt wirkt und man nicht den Überblick verliert, findet sich in jedem ersten Satz eines Unterkapitels der Name des jeweiligen Protagonisten (Kåre, Sigrid, Linnea, Robert, Trine, Wanda, Göran, Magnus, Elida, Viggo), dem man mal über die Schulter, mal in die Gedanken schaut.
Der Stand der Dinge, so Øyehaug, sieht wie folgt aus: Kåre hat sich von Wanda getrennt und Sigrid sich von Magnus, der wiederum mit Elida zusammen ist, die in Viggo verliebt ist. Robert liebt Linnea heimlich, die aber auf Görans Zuneigung hofft. Wanda ist mit Trine befreundet, die nur ihre Kunst und ihr Kind hat. Diese Konstellation scheint perfekt, um eine Welt voller von Freundschaftsanfragen und Beziehungsstatus zu hinterfragen. Doch ist das Netz, das Øyehaug spinnt, viel zu eng gestrickt.
Kein Raum zum Fantasieren
Ein literarisches Werk benötigt Freiraum, damit sich Gedanken, Gefühle und Vorstellungen entfalten können. Die Autorin von Ich wäre gern so wie ich bin lässt keinen Platz für eine solche Entfaltung, ja, erstickt sogar jede Möglichkeit selbst Vermutungen anzustellen, welche die Fantasie anregen könnten: "Er trank keinen Alkohol! Viggo trank nicht, weil: ach das wird jetzt dauern, aber: Viggo trank nicht, weil er zutiefst davon überzeugt war, sich treu bleiben zu müssen." Anstatt dem Leser Zeit zu geben, deutet die Autorin etwas an, nur um es selbst sofort zu widerlegen.
Solche Erläuterungen findet man eher in einem Drehbuch als in einem Roman. Es sind Nebentexte, die nicht für das Publikum, sondern für den Regisseur gedacht sind. Ähnlich verhält es sich mit typologischen Spielereien wie kursiven und gefetteten Passagen: „(das ist die reine Wahrheit! Sie ist die DRITTE Person in diesem Buch, die die Göttliche Komödie liest)“ Obwohl die grafische Vorhebung nicht unbekannt in der Literatur ist – sei es die bunte Schrift, die sich William Faulkner für The Sound and the Fury gewünscht hatte – wird der Leser auf solch plumpe Art und Weise auf die wichtigen Passagen hingewiesen, dass man schon gar nicht mehr hinsehen mag. An anderer Stelle wird der Text gleich vollends zum erläuternden Nebentext, der zwar fast einer literarischen Ellipse ähnelt, aber eben nur fast: "Hier folgt ein längerer Abschnitt, der schildert, wie Sigrid weiter das Schöne und Einfühlsame von Kåres Buch in Worte zu fassen versucht ..."
Zu viel Kontrolle über den eigenen Text
Wie ein guter Roman lebt auch ein gutes Drehbuch von bewussten Zitaten und versteckten Anspielungen. Leider fließen diese in Ich wäre gern so wie ich bin nicht organisch ein, sondern wirken aufgesetzt. Es werden Arbeiten über Frauen in weiten Männerhemden (Lost in Translation) geschrieben, über Kill Bill diskutiert und an abgeschnittene Pferdeköpfe (Godfather) gedacht. Wenn die Figuren ihre eigene filmische Fantasie anregen, fällt das Resultat eher mau aus: "Wenn sie einen Film drehen würde, dachte Sigrid, ginge es ausschließlich um eine junge Frau, die in ihrem Zimmer sitzt, darum, was dort mit ihr geschieht, woran sie denkt, wie sie zum Dachfenster hinübergeht und hinausschaut, auf die Türme der Marienkirche, wie sie sich nach etwas sehnt, das größer ist als dieses Leben, ihr aber bislang leider nicht begegnet ist."
Natürlich hat auch dies filmisch verstrickte Netz seine schönen Momente. Einfälle wie der Traum vom Zimtladen, in dem es wahrscheinlich nur Zimt zu kaufen gibt, fantastische Welten, in denen Dante, George W. Bush und Paul de Man herumwandern, lesen sich wunderbar. Vor allem aber die Situationen zwischen den verliebten oder nicht mehr ganz so verliebten Pärchen, werden einfühlsam geschildert: "Als sie einander in diesem Moment der roten Köpfe in die Augen sehen, wird es beiden zu viel, sie müssen den Blick niederschlagen (Musik für diesen Abschnitt des Buches: eine wunderschöne Musik)." Wenn Øyehaug nicht ständig "Cut" dazwischenrufen würde, um die Szene mit Musik zu unterlegen oder zu kommentieren, könnte man Ich wäre gern so wie ich bin vielleicht sogar genießen. So bleibt der norwegische Debütroman ein mittelmäßiges Drehbuch.


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