Raub, Folter, Erpressung
Wer sich ins Innere des von Carlos Busqued Erzählten begibt, wird diese Koexistenz von Hitze & Kälte als durchgängiges ästhetisches Bauprinzip seines Romans erfahren, der einen damit auf unangenehm-eindringliche Weise mit einer amoralischen Gesellschaft konfrontiert, die buchstäblich – man kann es nicht anders sagen – am Verrecken ist.
Der eben erwähnte Cetarti ist ein ewig kiffender, lethargischer Arbeitsloser in einer Großstadt, den die Aussicht auf ein unverhofftes Erbe in die tiefste Provinz lockt. Dort sind seine Mutter und sein Bruder, mit denen er längst schon keinen Kontakt mehr hatte, vom Liebhaber der Mutter, einem pensionierten Militär, erschossen worden, bevor der sich selbst umbrachte. Der dubiose Duarte – Exkollege, Freund & Testamentsvollstrecker des Doppelmörders – verspricht Cetarti eine Fifty-Fifty-Beteiligung an der Lebensversicherung seiner Mutter. Er wird den Versicherungsbetrug mithilfe korrupter Kumpels in der Armee, die auch daran beteiligt werden, problemlos ausführen.
Als Kenner, Sammler und Liebhaber von abscheulichen Gewaltpornos interessiert er sich dafür, wie weit ein Mensch mit der sexuellen Ausbeutung gehen kann oder was er alles mit sich machen lässt: »Die Elastizität des menschlichen Organismus ist erstaunlich«, erklärt er dem sich angeekelt abwendenden Cetarti. Erstaunlicher ist aber, was Duarte zusammen mit Danielito, dem Sohn seines ehemaligen Militärkameraden, und einem fensterlosen Krankenwagen professionell betreibt: gezielten Menschenraub, Folter des Opfers und finanzielle Erpressung von dessen Angehörigen.
Dass sich Danielitos Mutter, nach dem sie das Mobiliar aus dem Haus ihres selbstmörderischen Exgatten verbrannt hat, mit Rattengift umbringt, wird ebenso cool berichtet wie der für Duarte & Danielito tödlich endende Zusammenstoß des missbrauchten Krankenwagens mit einem Rind auf einer nächtlichen Landstraße. Ungerührt macht sich der überlebende Cetarti, der gar nicht weiß, dass ihn die toten Kumpel hatten umbringen wollen, mit dem gerade erbeuteten Vermögen der Bande auf die Flucht nach Brasilien – eine Reise, die Danielito eigentlich vorhatte.