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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:11

Steve Earle: I´ll never get out of this world alive

26.09.2011

Hank Williams Geist

Warum sollte jemand, der bald zwei Dutzend Alben veröffentlicht, hundert Gitarren gesammelt und sieben Mal geheiratet hat, nicht auch mal einen Roman schreiben? Musiker Steve Earle webt den Stoff seines Romandebuts gekonnt um den Geist von Hank Williams. I´ll never get out of this world alive – besprochen von TOM ASAM.

 

Doc scheint am Ende einer Abwärtsspirale zu stehen. Alkohol und Drogen haben dem ehemaligen Mediziner die Zulassung gekostet und ihm den gesellschaftlichen Abstieg beschert. In einer billigen Absteige am South Presa Strip in San Antonio, Texas, mischt er sich nun unter Alkis, Drogenabhängige, Zuhälter und schräge Vögel. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit illegalen Abtreibungen – eine Dienstleistung, die vorwiegend von jungen Prostituierten in Anspruch genommen wird.

 

Und, wie bereits der Titel von Earles Roman verrät, spielt auch Hank Williams in diesem Setting eine entscheidende Rolle. Wenn jemand eine seiner Nummern in der Jukebox wählt, gibt es kein Entrinnen mehr: »No matter how I struggle and strive / I´ll never get out of this world alive.« Doch Doc spürt den Geist Hanks nicht nur in dessen Liedern, er sieht ihn vor Augen und unterhält sich mit ihm. Sein ehemaliger, prominenter Patient ist Opfer einer Alkohol/Morphium-Mischung geworden und lässt den von Schuldgefühlen geplagten Doc seitdem nicht mehr los. Wie einst Hank hat auch Doc die Grenze zwischen Alleinsein und Einsamkeit längst überschritten.

 

»Einsamkeit ist eine ganz große Nummer. Unheilbar. Hoffnunglos. Ein Loch im Herzen, so groß, dass man mit einem Truck durchfahren kann. So groß und so tief, dass es auf der ganzen gottverdammten Welt nicht genug Geld, Whiskey, Muschis oder Drogen gibt, um es zu stopfen, weil  es mit jeder Lüge, jeder Enttäuschung und jedem gebrochenen Verbrechen größer wird.«


Doch als die junge Graciela in Docs Leben tritt, beginnt sich alles zu ändern. Sie scheint Wunder zu wirken und das Gute in allen Menschen anzurühren, denen sie begegnet. Docs Gefühlsmauer bröckelt, er entdeckt sein Gespür für die Mitmenschen wieder. Seltsame Dinge geschehen: Wunden heilen wie von selbst und Junkies pfeifen plötzlich auf ihre Drogen. Das zieht die Aufmerksamkeit einiger Leute auf sich – und Hanks Geist ist verschnupft, da Doc sich gar nicht mehr um ihn zu kümmern scheint…

 

Steve Earle, der als Musiker Mitte der 80er Jahre erste große Erfolge feierte und als ein Wegbereiter des Alternative Country gilt, tritt schon lange gegen Rassismus, die Todesstrafe und jegliche Art sozialer Ungleichheit ein. Das hat ihm in seiner Heimat wiederholt den blödsinnigen Vorwurf eingebracht, sein Land nicht zu lieben. Das Gegenteil ist sicher der Fall, er liebt das Land – und vor allem seine Leute. Auch und gerade jene, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Seine Vorliebe für tragische Sänger, die in der Lage sind, mit einer Gitarre und einer Mischung aus Melancholie, Trauer und Verzweiflung Großes zu schaffen, ist bekannt.

 

Der legendäre Townes van Zandt, nach dem er seinen Sohn benannte, und dem er eine Cover-Platte widmete, veranlasste Earle einst zu folgendem, gern zitierten Ausspruch: »Townes Van Zandt is the best songwriter in the whole world and I’ll stand on Bob Dylan’s coffee table in my cowboy boots and say that.«

 

In I´ll never get out of this world alive greift  Earle mit Hank Williams ein weiteres legendäres Stück Musikgeschichte auf unterhaltsame Weise auf. Dabei zeigt er, dass das Menschliche auch – und gerade – jenseits der glitzernden Fassaden zu finden ist, dass Rassen- und Schichtunterschiede willkürlich und Wunder möglich sind. Auch wenn sein Debut vielleicht ein paar Seiten zu lange geraten ist, empfiehl es sich als kurzweilige Urlaubslektüre. Zum Beispiel für all jene, die den Blues, der sich in einer sterilen Feriensiedlung an einem Mittelmeerstrand einstellt, für ein paar Stunden gegen einen andersgearteten Blues einzutauschen gewillt sind.

 

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