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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:17

Alek Popov: Für Fortgeschrittene

26.10.2009

Dinger, die vom Himmel fallen

Von dem bulgarischen „Meister des Slapstick“ ist ein Erzählband erschienen. Neben Brot-und-Butter-Satire finden sich darin auch einige Perlen. BRIGITTE HELBLING über Alek Popovs Für Fortgeschrittene.

 

„Als ich erfuhr, dass Simic bei einer Bombenexplosion umgekommen war, fühlte ich nichts Besonderes. Ich bin, um es geradeheraus zu sagen, von seiner Existenz noch nie sonderlich überzeugt gewesen, genauso wenig wie von der Existenz der übrigen Welt. Ich denke, das ist normal. Ich bin das Gefühl nie losgeworden, dass mit meinem Tod die ganze Welt mit mir zusammen verschwinden wird.“

So beginnt Alek Popovs Erzählung: „Simic ist tot“. Gibt es einen schöneren Anfang für eine Geschichte, die im Weiteren zwischen Philosophie und grobkörnigem Alltag hin und her mäandern wird? Simic ist der serbische Übersetzer des Erzählers, der nach Erhalt der Todesnachricht mit dem Zug über die Grenze zu dessen Heimatort Kraguajevac reist, um sich davon zu überzeugen, dass der Mann tot ist, mithin also auch, dass es ihn gegeben hat. „Eines von diesen Dingern, die vom Himmel fallen, sei ihm auf den Kopf gefallen. Die Dinger, die vom Himmel fallen, sind prinzipiell verflucht treffsicher und nicht für Ziele wie Simic vorgesehen... der Fehler lag offensichtlich bei der jugoslawischen Luftabwehr, die stur auf diese Dinger schoss, obwohl man sie über die eventuellen Folgen aufgeklärt hat.“

Und warum sollte man von Bomben nicht als von „Dingern“ sprechen, was sie wie Blumentöpfe klingen lässt. Oder wie gefrorene Scheiße aus dem Klo eines Passagierflugzeugs, die am Ende auch tödlich ist, wenn sie direkt auf deinen Schädel fällt. Die Verallgemeinerung kommt daher wie die reine Vernunft. Hin und wieder gibt es Kurzgeschichten, die man sich für immer merken möchte. „Simic ist tot“ gehört dazu.

Begnadete Satire (und mehr)

Die Erzählung findet sich im Erzählband Für Fortgeschrittene des Erfolgsautors Alek Popov. Der Bulgare ist laut seinem Verlag ein „begnadeter Satiriker“, und den Tatbestand der Satire erfüllen auch eine ganze Reihe der Geschichten, indem sie sich wie die Umsetzung einer Themenvorgabe lesen, zum Beispiel: Schreib eine Geschichte über „Scheiße fressen“, die sich mit dem Phänomen Europa auseinandersetzt. Oder: Stell dir vor, ein Mann sieht sich gezwungen, jeder Frau, die an ihm vorbeigeht, an den Arsch zu fassen.

Glücklicherweise folgt aber die Mehrheit der Erzählungen in Für Fortgeschrittene einer höheren Mathematik des Humors. Ein veritables Schauerstück schildert den Stipendiaten-Aufenthalt eines Bulgaren in New York – in einem abgewrackten Wohnhaus in der Bronx, das er über drei Monate nie verlassen wird. „Der Krautzyklus“ erzählt von der Herstellung von Sauerkraut als jährlich wiederkehrendes, quasi-religiöses Ritual einer Kleinfamilie in einem Wohnblock, das sich über einen ganzen Monat hinzieht. Das liest sich wie magischer Realismus secondhand, osteuropäisch schäbig – hinreißend.

„Der Krautzyklus“ ist die längste Geschichte der Sammlung und wird darin als Trennmarke gesetzt – davor kommen die komplexeren Erzählungen, dahinter die Brot-und-Butter-Satire. Dass Bulgaren eventuell einen nicht ganz durchschnittlichen Sinn für Humor haben, wird gleich mit der Eröffnungserzählung klargestellt, in der ein Mann in Sofia mit einer Russin übers Internet Bekanntschaft schließt und am Ende mit ihrem Kopf in seinem Kühlschrank dasitzt. In einer Kartonschachtel. Die ihr Mann vorbeigebracht hat.

Länder als Gebetsteppiche eingerollt

Trotz des guten Überblicks über das breite Können dieses Autors kommt Für Fortgeschrittene, um die Wahrheit zu sagen, als ziemlicher Gemischtwarenladen daher. Genau das ist die deutsche Ausgabe allerdings auch: Ein Flickwerk aus verschiedenen Erzählbänden des Autors (einer davon heißt im Bulgarischen tatsächlich Für Fortgeschrittene), deren Veröffentlichungen bis zu zehn Jahre auseinanderliegen. Kein Wunder unterschieden sich die Geschichten qualitativ und in ihrer Intention oft ganz erheblich. Übersetzt hat sie aber allesamt der hervorragende Alexander Sitzmann, der mit seiner Leistung ganz entscheidend zum Popov-Genuss im Deutschen beiträgt.

Wie geht die Geschichte um Simic aus? Mit einer Gänsehaut erzeugenden Beiläufigkeit. Der Erzähler verbringt nur wenige Stunden im Heimatort seines Übersetzers, dann fährt er im leeren Zug zurück über die Grenze. „Ich saß im letzten Waggon und sah zu, wie sich Jugoslawien hinter mir entfernte, kleiner wurde, verblasste. Ich ging fort und nahm die Welt mit mir; ich rollte sie zusammen wie einen kleinen Gebetsteppich und klemmte sie mir unter die Achsel. Da, eine Bombe fällt auf die Brücke, über die der Zug eben noch gerollt ist. Die Brücke geht in Flammen auf. Es gibt keinen Weg zurück.“

 

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