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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:19

 

De avonturen van Alice in Literaturland

07.03.2009

Die Abenteuer von Alice im Literaturland

Armes Belgien, wie Charles Baudelaire meinte? Oder doch tu felix Belgium? Nein, dann doch nicht so ganz. Denn wie man im flandrischen und niederländischen Literaturbetrieb mit Kriminalliteratur umgeht, kommt uns - bei allen Unterschieden - irgendwie bekannt vor. Ein Blick zu den Nachbarn birgt immerhin den Trost, dass es sinnvolle Kriminalliteratur überall nicht leicht hat. Und dass es überall eine immer lauter werdende Opposition gegen diese unschönen Zustände gibt. Mieke de Loof hat ihre Erfahrungen gemacht.

 

Hinunter ins Kaninchenloch

„Allmählich fand Alice es immer ermüdender Vorlesungen zu halten. Nicht dass die Studenten sie langweilten, aber die Gruppen wurden immer größer. Besonders ermüdend war, dass sie so nicht mehr mit ihren Studenten reden und diskutieren konnte – etwas, was ihr großen Spaß gemacht hatte und von dem sie viel mitnahm. Alles hatte sie probiert um wach zu bleiben und jetzt dachte sie, das Zaubermittel gefunden zu haben: Sie schmuggelte Auszüge aus der Weltliteratur in ihre Philosophie- und Soziologievorlesungen. Alice fand, dass große Schriftsteller wie Primo Levi, Arthur Miller und John le Carré Kriegsgräuel und existenzielle Fragen viel besser darstellen konnten als Soziologen und selbst Philosophen. Sie fand, dass gute Literatur die Dinge hundert Mal besser fühlbar macht als öde und unnötig komplizierte soziologische oder philosophische Abhandlungen.
Während sie das alles langsam realisierte – es war in der Mitte ihres Lebens – hoppelte plötzlich ein weißes Kaninchen mit rosa Augen an ihr vorbei. Das war an sich nichts besonders, aber als das Kaninchen einen Terminkalender für die nächsten zehn Jahre aus seiner Westentasche zog und sein Leben plante, jagte sie ihm, vor Neugier brennend, ins Kaninchenloch hinterher.“

Wer, so wie ich, die Welt der Wissenschaft für die Welt der Literatur aufgibt, erkennt schnell den Unterschied. Zugegeben, beide, Wissenschaftler und Literaten springen in die Tiefe, sie greifen beide nach dem Undurchdringbaren, aber in der Welt der Literatur gelten andere Regeln. Freigeister springen, so wie Alice, in das Unbekannte, voller Abenteuer, Aufregungen und Gefahren. Bornierte Geister werden ängstlich, suchen Halt und Sicherheit vor dem Sprung ins Unbekannte. Sie klammern sich an anscheinend allgemeingültige Wahrheiten, die die Literatur in einfache Kategorien, erzählerische Formen, Genres und Subgenres einteilt. Das Geschriebene in Schubladen zu stecken ist aber eine künstliche Aufteilung, an der Herausgeber, Buchhandel, Bibliotheken und Universitäten schuld sind. Aus Bequemlichkeit, denn so wissen sie direkt, wo sie ein Buch einordnen können. Aber vor allem auch aus Obrigkeitsgläubigkeit und falschem Glauben an die Allgemeingültigkeit von Kategorien und Systemen, Krankheiten, an der Akademiker oft leiden.

Jorge Luis Borges macht keinen Unterschied zwischen Literatur und Philosophie, zwischen Literatur und Geschichte. Eine gute Erzählung gibt uns Einblicke in das Dasein, und Philosophie ist am besten, wenn sie wie Poesie ist. Geschichte schafft Zusammenhänge, indem sie bedeutsame Geschichten erzählt und jede Erzählung hat ihre eigene Geschichte. Für Borges gibt es darum nur noch Geschichten. Das einzige Kriterium ist, ob eine Geschichte sauber geschrieben ist und ob sie etwas zur Wirklichkeit beiträgt. Geschichten, die die Wirklichkeit wie in einem Spiegel abbilden, werden jedoch formelhaft. Ihre Autoren haben einen Anspruch auf den Status eines gefeierten Literaten oder eines sich gut verkaufenden Kriminalautors verwirkt. Kunst setzt eine schöpferische Tätigkeit voraus, sie verändert und schafft Freiräume und bildet nicht einfach ab. Weil gute Kriminalromane verunsichern, verschiedene Schichten schaffen und für literarische Brüche sorgen, sind sie Literatur. So einfach ist das. Sobald das Geschriebene jedoch „monologisch“ wird, eindeutig Interpretierbar oder nur noch Repräsentativ, dann ist es, mit Michail M. Bachtin gespochen, nicht länger Literatur. Dann bekommen wir anstelle von vielschichtigen Romanen beruhigende Rezeptbücher. Angenehm und beruhigend, aber keine Literatur. Derartige Schreibereien finden wir in jedem Genre, nicht nur im Genre „Kriminalroman“, und es kann damit viel Geld verdient werden.

Der wunderschöne Garten und das Tränenmeer

„Alice landete nach ihrem Fall ohne jede Schramme auf einem trockenen Blätterhaufen. Hinter einer Ecke sah sie noch das Weiße Kaninchen verschwinden. Schnell wie der Wind lief sie hinter ihm her, aber zu spät, das Kaninchen war verschwunden. Soviel Türen, dachte Alice, die in einem großen Saal gelandet war. Ihr Blick fiel auf eine lange Gardine, hinter der ein ungefähr 50 cm hohes Türchen verborgen war. Sie kniete sich hin, öffnete das Türchen und sah den schönsten Garten, den sie jemals gesehen hatte. Bunte Blumen, kühle Springbrunnen, aber alles unerreichbar. Sie war viel zu groß, sie bekam noch nicht einmal ihren Kopf durch die Türöffnung. Oh, könnte ich mich doch wie ein Teleskop ineinander schieben, dachte sie. Aber da ich doch Kriminalautorin geworden bin, kann ich auch etwas gewalttätig sein: ich könnte die Tür aufbrechen. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Alice versuchte alles Mögliche, um in den paradiesischen Garten zu kommen. Aber das einzige, was sie tun konnte, war vor dem Türchen zu liegen und mit einem Auge in den Garten zu schauen.“

Der unzugängliche literarische Garten, in den wir mit einem Auge blicken dürfen, ist eine Metapher für den literarischen Ausschluss, mit dem wir Kriminalautoren es in Flandern und in den Niederlanden zu tun haben. Ungeachtet unseres Stils, ungeachtet des Themas, ungeachtet der Charakterisierung und Entwicklung unserer Personen, ungeachtet der raffinierten Plotentwicklung, ungeachtet des Spiels, das einige von uns mit dem Genre spielen und ungeachtet unseres manchmal ironischen Augenzwinkerns, der Zugang zum literarischen Garten, in dem so viele verschiedene Blumen blühen, wird uns unerbittlich versagt. Der Status Quo wird durch einige Literaturpäpste effizient und erfolgreich verteidigt. Sie bestimmen, was literarische Qualität ist. Die Literaturpäpste finden, dass sie spannende Bücher gar nicht erst lesen müssen und schließen sie schon aufgrund ihres Genres aus.

Natürlich stelle ich mir als Soziologin die Frage, wie es möglich ist, dass aus der Vielförmigkeit Einförmigkeit gemacht wird, dass ein ganzes Genre vom literarischen Diskurs ausgeschlossen wird, und dass eine Klassifikation so zwingend sein kann, dass sich ihr jeder unterwirft. Woher kommt die Notwendigkeit, alles einzuteilen? Oder anders gefragt: woher kommt die krankmachende Sucht nach Sicherheit, die sich im übertriebenen Systematisieren und Katalogisieren niederschlägt?

Systematisieren gibt ein falsches Gefühl von Sicherheit und bietet eine „rationale“ Antwort auf das Chaos. Seit der Aufklärung im 17. –18. Jahrhundert verstricken Enzyklopädisten sich in ihren eigenen Illusionen. Axiome und Dogmen werden für jetzt und alle Zeit festgelegt, der Status Quo wird gefestigt und Machtpositionen werden sichergestellt. Zufall, Unsicherheit und Doppeldeutigkeit bekommen keine Chance mehr, sondern werden vielmehr als Bedrohung angesehen. An die Stelle von Toleranz tritt ein dogmatischer Ausschluss.

Die Grinsekatze; Auf dem Krocketfeld der Königin; Die Gerichtsverhandlung

„Auf einem Baum hockte die Grinsekatze. Die Katze grinste zur Begrüßung als sie Alice sah.
‚Grinsepussi‛, redete sie die Katze ziemlich unsicher an.
Die Katze grinste noch breiter.
‚Würdest du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muss?‛
‚Das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst‛, antwortete die Katze.
‚Oh, das ist mir ziemlich gleichgültig. Hauptsache, ich komme irgendwohin.‛
‚Das wirst du sicher, wenn du nur lange genug gehst‛, sagte die Katze.
Dagegen ließ sich nichts einwenden.
‚Spielst du heute mit der Königin Krocket‛, fragte die Katze.
‚Ich täte es gern, aber ich bin nicht eingeladen‛, erklärte ihr Alice.
‚Dort wirst du mich wieder sehen‛, versprach ihr die Katze und verschwand.

Etwas später (und um einiges kleiner geworden) erreichte Alice endlich den prächtigen Garten mit den schönen Blumenbeeten und dem Kühle spendenden Springbrunnen. Sie war gerade angekommen, als sie jemanden rufen hörte: ‚Die Königin!, Die Königin!‛
Alle warfen sich sofort flach auf ihr Gesicht. Alice blieb stehen, weil sie sonst nichts sehen konnte und wartete ab. Bei Alice angelangt, fragte die Königin finster: ‚Wer ist das?‛ Eine Frage die hier oft gestellt wurde.
‚Ich bin Kriminalautorin, wenn Majestät nichts dagegen haben.‛
Es wurde totenstill, jeder hielt den Atem an.
‚Hast du dich verlaufen, Kind‛, fragte die Königin.
‚Nein, ich gehöre hier hin, Majestät‛, erwiderte Alice, verblüfft über ihre eigene Kühnheit.
Die Königin wurde knallrot vor Wut, funkelte sie mit einem Raubtierblick an und brüllte: ‚Schlagt ihr den Kopf ab, schlagt ihr den ... ‛
‚Unsinn! ‛ widersprach Alice laut und entschieden. Die Königin verstummte.
‚Kannst du Krocket spielen? ‛
Die Königin wartete nicht auf ihre Antwort und brüllte mit Donnerstimme: ‚Jeder auf seinen Platz!‛ Die Teilnehmer rannten so diensteifrig davon, dass sie übereinander purzelten.
Noch nie hatte Alice einen solch komischen Krocketplatz gesehen: niemand wartete, bis er an der Reihe war, die Spielregeln veränderten sich andauernd, einige Spieler bekamen von der Königin einen prächtigen Krocketschläger, während andere Spieler sich mit einem Stock behelfen mussten und es war ein gewaltiger Lärm. Sämtliche Teilnehmer stritten sich ständig und die vor Zorn kochende Königin brüllte: ‚Schlagt seinen Kopf ab!‛
Das wurde Alice allmählich langweilig und sie suchte jemanden, mit dem sie sich unterhalten konnte. Da sah sie das Grinsen der Grinsekatze.
‚Na, wie wirst du mit dem Spiel fertig?‛ erkundigte sich die Grinsekatze.
Alice seufzte und sagte: ‚Ich finde nicht, dass sie das Spiel ehrlich spielen.‛
‚Warte nur, bis die Gerichtsverhandlung kommt‛, grinste die Grinsekatze und löste sich langsam auf.

Alice sah, dass der Thron des Königs und der Königin schon von einer großen Menge umringt wurde. Den Richter spielte übrigens der König. Die Geschworenen kritzelten geschäftig auf ihre Tafeln.
‚Was machen sie da?‛ wunderte sich Alice, ‚vor dem Beginn der Gerichtsverhandlung haben sie doch noch gar nichts aufzuschreiben.‛ Alice fühlte, wie sie wieder etwas wuchs.
‚Mach deine Zeugenaussage‛, befahl der König. Alle sahen Alice an.
‚Was hast du zu sagen?‛ fragte der König.
‚Nichts.‛
‚Gar nichts?‛ forschte der König nach.
‚Nein, gar nichts.‛
‚Das ist wichtig‛, sagte der König zu den Geschworenen.
‚Unwichtig! wollen Majestät selbstverständlich sagen‛, verbesserte ihn das Weiße Kaninchen.
‚Unwichtig! wollte ich selbstverständlich sagen‛, wiederholte der König eilig und murmelte vor sich hin: ‚Wichtig, unwichtig, wichtig, unwichtig ... ‛
Darauf schrieben einige Geschworenen ‚unwichtig‛ und andere ‚wichtig‛ und noch andere schielten auf das Blatt ihrer Kollegen.
‚Die Geschworenen sollen ihr Urteil abgeben‛, befahl der König.
‚Nein‛, brüllte die Königin, ‚erst der Richterspruch, dann die Meinung der Geschworenen!‛
‚So ein Unsinn!‛ rief Alice.
‚Halt den Schnabel!‛ brüllte die Königin, knallrot vor Wut.
‚Ich denke nicht daran!‛ sagte Alice
‚Köpft sie!‛ kreischte die Königin.
Niemand rührte sich vom Fleck. Alice war inzwischen wieder so groß geworden wie früher und sagte: ‚Nun mal ehrlich, wer glaubt denn noch an diese Gerichtsverhandlung? Ihr seid doch nur ein Haufen Bürokraten.‛"

Nun denken Sie vielleicht, dass es sich hier um einen Schlüsseltext handelt und tatsächlich – die Personen und Situationen weisen auf reale Personen und Situationen hin. Vielleicht erinnert Sie der König und die Königin an den Kulturminister Bert Anciaux oder an Carlo Van Baelen, Direktor des „Vlaams Fonds voor de Letteren“ (Fonds für flämische Schriftsteller). Carlo Van Baelen sagte, dass Krimis keine Literatur sind und darum auch nicht finanziell gefördert werden können. Es kann auch sein, dass das Gefolge an die vielen Autoren erinnert, die auch ein Korn aus dem Fördertopf des „Vlaams Fonds voor de Letteren“ picken wollen.

Oder Sie interpretieren meine Alice-Geschichte als Entwicklungsroman. Eine „coming of age story“, wie man das zurzeit nennt. Das ist auch möglich. Bei Beginn ihrer Abenteuer ist Alice noch ein Kind: sie glaubt sich dauernd anpassen zu müssen, um dazu zu gehören. Muss sie nun schrumpfen, wachsen oder einfach sie selbst bleiben?

Einige möchten die arme Alice wachsen sehen, damit sie doch noch in die Kategorie Literatur passt. Wie oft hörte Alice gut gemeinte Ratschläge wie: „Du passt überhaupt nicht in das Genre Krimi, du schreibst zu gut“ oder „Deine Bücher müssen bei Literatur und nicht bei Kriminalromanen stehen“ oder „Schick einen Förderantrag an den „Vlaams Fond voor de Letteren“ und präsentiere dein neues Buch als einen Roman und nicht als Krimi. Sie kontrollieren doch sowieso nicht, was du letztendlich geschrieben hast, und du kannst dich immer noch auf die künstlerische Eingebung berufen, die den Plot verändert hat“ oder „Dein Buch ist kein Krimi, sondern ein literarischer Krimi!“

Andere versuchen ganze Stücke von Alice abzuschneiden, um sie in die Kategorie Krimi zu pressen. Denn auch in der Welt der Kriminalromane gibt es Meinungsführer, die einfache Rezepte lieben. Zum Beispiel einige anonyme Rezensenten von dem „VN-Detective & Thrillergids“: Krimis seinen nur zur Entspannung gut, darum müssen sie spannend sein – d.h. voller Action – es muss viel Blut fließen, jedes Problem muss aufgelöst werden, am liebsten sollen sie in Stakkato-Sätzen geschrieben sein, so dass wirklich jeder Leser merkt und an den plötzlichen Adrenalinschüben spürt, dass er es mit einem echten „page-turner“ zu tun hat und am Ende muss natürlich alles gut werden, damit der Leser nicht beunruhigt wird und vielleicht Fragen stellt. Hoffentlich sterben diese Krimifundamentalisten, diese Dinosaurier, schnell aus.

Die Kategorien, mit denen sie Alice Gewalt antun, sind eigentlich symbolische Systeme. Ein symbolisches System entsteht, wenn ein erlesener Zirkel völlig willkürlich Spielregeln festlegt und alle anderen sich den Spielregeln unterwerfen. Genauso wie im Krocketspiel mit der Königin und in der Gerichtsverhandlung, in der der König gleichzeitig auch Richter war. Hier geht es um pure Machtausübung, um die Privilegien des Clubs zu sichern. Weil der Club die anderen von seinem Anspruch überzeugen konnte, stellt er seine Spielregeln als „allgemeingültig“ dar und beruft sich auf seinen guten Geschmack und sein absolutes Fachwissen. Diese so genannten Experten, diese Connaisseurs, bestimmen, dass die „Hoch“ Kultur (Literatur) von der „Niederen“ Kultur (Krimi) unterschieden werden muss und dass nur sie diesen Unterschied aufgrund ihres guten Geschmacks und des richtigen Studienabschlusses machen können. Wir, die gewöhnlich Sterblichen besitzen die „natürliche“ Gabe des unangreifbaren ethischen Urteilens nicht.

Aber wie sieht das praktisch aus? Was passiert konkret, wenn ein bestimmtes Genre die Alleinherrschaft erobert hat?
Es ist Zeit nicht länger zu schweigen und geduldig zuzusehen, wie der erlesene Club die literarischen Debatten monopolisiert. Auch wenn wir wissen, dass die Etikettierung ganz willkürlich ist, kann sie große Wirkung zeigen. Wenn nur oft genug gesagt wird, dass Kriminalautoren keine „richtigen“ Schriftsteller sind und spannende Bücher keine Literatur, dann glaubt das bald jeder. Nur ein Beispiel: Für das 150-jährige Bestehen der ehrwürdigen Zeitschrift „Dietsche Warande & Belfort“ richteten sich 150 Autoren mit 15 Regeln an die Menschheit im Jahr 2155. Unter den Autoren war kein einziger Kriminalautor.

Aber es gibt einen bestimmten Punkt, an dem die Lüge umschlägt und in ihre Konsequenzen wahrhaft wird. Dazu noch eine Anekdote aus dem Leben von Jean Genet laut Jean-Paul Sartre: Seit Genet 10 Jahre alt war, wurde er des Diebstahls beschuldigt. Hinter seinem Rücken sagte jeder, dass er nur ein ordinärer Dieb sei. Genet, der eigentlich ein Heiliger werden wollte, beschloss nun ein Monster zu werden – zum Glück ein heiliges Monster – um so der bürgerlichen Gesellschaft, die ihn ausspuckte, eine lange Nase zu zeigen.

Zum Glück bin ich nicht mehr 10 Jahre alt und muss nicht am laufenden Band Karikaturen von Kriminalromanen schreiben, wo das Blut von den Blattseiten tropft, um mittelmäßigen, konformistischen und uninteressierten Akademikern und Kritikern eine lange Nase zu zeigen. So wie meine Alice bin ich erwachsen geworden und lasse mich nicht länger disziplinieren. Im Gegenteil, die Zeit ist gekommen, um freimütig zu sprechen. Die offene Rede ist sehr wichtig, da sie gefestigte Machtansprüche und allgemeine Wahrheiten in Frage stellt. Als Kriminalautorin will ich Wahrheitssucher und Wahrheitssager werden, und mich gegen jede Disziplinierung wehren, die die vielförmige und komplexe Wirklichkeit mit simplen Slogans und Definition von symbolischen Systemen beschneidet.

Mieke de Loof


(Mieke de Loof: De avonturen van Alice in Literaturland. In: Thriller versus roman. Hg. Jos van Cann & Henri-Floris Jespers, Literatuur in veelvoud, nr.21. Antwerpen/Apeldoorn: Garant 2008. Übersetzt und bearbeitet von Gisela Lehmer-Kerkloh).

Mieke de Loof, geboren 1951 in Aalst/Belgien ist Kriminalschriftstellerin, Soziologin und Philosophin. Sie arbeitete in der Wissenschaft, als Dozentin, Taxifahrerin und als Bedienung in einem Nachtlokal. Sie beherrscht Kyokushin-Karate. Mieke de Loof schrieb Theaterstücke für und mit marokkanischen Kindern. Zusammen mit ihrem Vater schrieb sie En niemand hoort je huilen (1982) (Und keiner hört dich weinen), eine medizinisch-kriegswissenschaftliche Studie über die Gefahren eines Atomkrieges. Seit 2000 arbeitet sie an einem Zyklus von sieben Kriminalromanen, die alle in Wien in den Jahren 1913-1919 spielen und deren Protagonist der Jesuit und Geheimagent Ignatz ist. Mieke de Loof ist Vorsitzende der Vereinigung der flämischen Kriminalschriftsteller, der „Genootschap van Vlaamse Misdaadauteurs“: hier

Copyright des Fotos: Stefan Vanfleteren



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