Carles Porta: Tor. Das verfluchte Dorf
14.03.2009
Keine Aufklärung – viel Aufklärung
Mord in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen. Ein wahrer Fall – und deshalb weitab vom Regelwerk serieller Kriminalliteratur. Ohne die Katalonien-Buchmesse 2007, zu der die gebundene Ausgabe erschienen war, hätte dieses Buch auf Deutsch vermutlich gar nicht stattgefunden. Und das wäre schade gewesen, meint Dieter Paul Rudolph
Es ist die alte Geschichte: Ein „Ereignis von öffentlichem Interesse“ hat stattgefunden, und weil es ein besonders spektakuläres war – Mord! – macht man sich umgehend an seine mediale Aufbereitung. „30 minuts“ heißt die Reihe im katalanischen Fernsehen, 30 Minuten also für die Wahr- und Wirklichkeit, für fast 100 Jahre Streit und Terror, für Dutzende von Menschen, die durch die Tragödien in einem Bergdorf deformiert und in vielerlei Hinsicht beschädigt wurden.
Das Bergdorf heißt Tor, es liegt in den Pyrenäen unweit der Grenze zu Andorra, besteht aus 13 Häusern und einer wechselnden Anzahl von Bewohnern. Es gibt auch „den Berg von Tor“, und mit ihm fing alles an. Wem gehört dieser Berg? Allen, die in Tor leben und zwar, das ist der springende Punkt, STÄNDIG. Die Winter in Tor jedoch sind noch richtige Winter, Arbeit gibt es kaum. Also leben die wenigsten ständig im Dorf.
1995 hat es Sansa, der zu einer der drei einflussreichsten Familien von Tor gehört, scheinbar geschafft. Das Gericht spricht ihm die alleinigen Besitzansprüche am Berg zu und Sansa beginnt mit dubiosen Geschäftspartnern dessen touristische Erschließung. Doch fünf Monate später ist Sansa tot. Man findet ihn erschlagen in seinem Haus. Nicht der erste Mord in Tor, schon einmal, 1980, hat der Streit um den Berg zwei Todesopfer gefordert. 1997 kommt der Fernsehjournalist Carles Porta mit seinem Team nach Tor, um die Ereignisse für „30 minuts“ filmisch aufzubereiten. Er spricht mit den Einwohnern – das heißt er versucht es –, recherchiert den Tatverlauf, forscht nach dem Motiv. Motive gibt es reichlich. Steckt Sansas Intimfeind Palanca – der zweite „wichtige Mann“ des Dorfes – hinter dem Mord? Geschah er aus Rache wegen Sansas Gerichtserfolg oder hat er etwas mit dem ausgiebigen Schmuggel zu tun, der am Berg von Tor dank der Nähe zu Andorra blüht? Ging es vielleicht nur um das Geld, das Sansa möglicherweise in seinem Haus vergraben hat? Oder –
Tatsachen?
Porta also kommt nach Tor und sucht die Wahrheit. Er findet sie nicht, dafür trifft er auf etwas anderes: auf Menschen. Sie sind Choleriker wie Palanca, zwielichtig wie der Immobilienmakler Ruben, bedauernswert wie Antonio, der Schafhirte, völlig durch den Wind wie das Hippiepärchen Josep und Marli, das sich wie andere seiner Art um Tor vorläufig angesiedelt hat und in merkwürdiger Gemeinschaft mit den Alteingesessenen lebt. Aber alle sind eben nicht nur das. Sie könnten Täter sein oder Opfer, sie geben sich mal hilflos, mal intrigant, schwanken beständig zwischen Psychose, Depression und nüchternem Taktieren, kurz: Sie sind ebenso wenig zu fassen wie die Wahrheit.
Am Ende werden in diesem „Tatsachenroman“ mehr neue Fragen stehen als Antworten. Welche Rolle spielen die herrschenden Familien Andorras in diesem Fall? Was geschah während des Zweiten Weltkriegs, als von Nazis verfolgte Juden über Tor die rettende Grenze überschreiten wollten – und möglicherweise auf Nimmerwiedersehen verschwanden? Wir erfahren es nicht. Irgendwann hat Porta genug Material zusammen, seine Redakteure drängen auf Fertigstellung des Films. Den braucht man nicht gesehen zu haben, um zu wissen, dass er das Chaos von Tor und das komplexe, ja, völlig desolate Seelenleben seiner Bewohner und ihre nicht weniger disparaten Beziehungen untereinander nur andeuten kann. Auf den 366 Seiten des Buches indes gelingt das eindrucksvoll.
Als gute Wahl erweist sich auch Portas Vorgehensweise. Im Buch folgen wir ihm und den Seinen bei der Suche nach „Fakten“. Oft ist er enttäuscht, weil die teilweise bizarren Begegnungen mit den Herren und Knechten, den Schmarotzern und Skurrilen, den Geschäftemachern und Behörden nichts hergeben, weil sich alles widerspricht. Kein Futter für das Medium, die Aufklärung des Falles – Portas innigster Wunsch – kann nicht geleistet werden. Aber etwas anderes wird sehr wohl geleistet: ein Szenario, von dem man weiß, dass es der Wirklichkeit so nahe kommt, wie das nur möglich ist, wenn Tatsachen und Fiktion aufeinandertreffen.
Dieter Paul Rudolph
Carles Porta: Tor. Das verfluchte Dorf. Ein Tatsachenroman. (Tor. Tretze cases i tres morts. 2005). Roman. Aus dem Katalanischen von Charlotte Frey. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag 2009. 366 Seiten. 9,90 Euro.
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