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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:22

Didier Savard: Dick Herrison Vol. 9. Der 7. Schrei.

09.05.2009

Meisterwerk der Ligne Claire als Nischenprodukt

Es ist eine Detektivserie mit zahlreichen grafischen und inhaltlichen Bezügen und Zitaten. Das neunte Abenteuer von Dick Herrison ist im Stil der Ligne Claire gehalten und huldigt Klassikern der französischen Kriminalliteratur. Der Titelheld versucht, eine rätselhafte Selbstmord-Serie aufzuklären und eine Erklärung für bizarre Phänomene einer Seelenwanderung zu finden. Typisch ist dagegen die Publikationsgeschichte der Serie in Deutschland. ANDREAS ALT hat sich Gedanken gemacht

 

Ein Comicalbum zu zeichnen, kann Monate lange mühevolle Arbeit bedeuten. Gegenüber dem großen visuellen Medium, dem Film, hat der Künstler trotzdem einen klaren Vorteil: Er muss keine Drehorte suchen, keine Kulissen bauen und Requisiten besorgen, bei Außenaufnahmen nicht auf die richtigen Lichtverhältnisse warten. Das alles entsteht in seinem Kopf, wenn auch häufig mit Unterstützung von Fotodokumenten, und er braucht zur Umsetzung nur Papier und Bleistift. In seiner Serie Dick Herrison erweckt der Comiczeichner Didier Savard das Frankreich der frühen 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit großer Leidenschaft zum Leben: Es ist für ihn eine Welt, in der sich die allmählich bröckelnde Pracht alter Herrensitze mit Elementen des Art Deco und der industriellen Moderne mischt.

Vor diesem mit großer Genauigkeit und Gefühl für Atmosphäre und im Stil der Ligne Claire ausgeführten Hintergrund lässt Savard in Der 7. Schrei, dem neunten Band der Serie, eine klassische Krimihandlung mit gelegentlichen Ausflügen ins Unheimliche und Okkulte ablaufen: Der Titelheld, ein Gentleman-Detektiv in der Tradition von Lord Peter Wimsey, und sein Gehilfe Jerome Doutendieu sind in diesem Album mit einer mysteriösen Serie von Todesfällen konfrontiert, der auch ein alter Freund Herrisons zum Opfer fällt. Es sieht so aus, als begingen alle auf ungewöhnliche Weise Selbstmord: Einer klettert im Zoo in ein Bärengehege, einer stürzt sich von einem Leuchtturm – anscheinend stets ohne erkennbaren Grund. Noch verwirrender macht den Fall, dass die aufgefundenen Leichen schon nach kurzer Zeit stark verwest sind. Herrison nimmt Ermittlungen auf.

Der Tod sucht eine Gruppe Tibet-Forscher heim


Wie sich herausstellt, haben alle Toten einst an einer Tibet-Expedition teilgenommen, bei der sie auf alte Schrifttafeln, Vorläufer des tibetischen Totenbuchs, gestoßen sind. Nach ihrer Rückkehr hatten sie sich allerdings geschworen, über ihre Erlebnisse während der Expedition absolutes Stillschweigen zu wahren. Im Zuge seiner Nachforschungen wird Herrison sogar mit offenbar übersinnlichen Phänomenen konfrontiert: Geister von Verstorbenen treten ihm gegenüber. Der titelgebende siebte Schrei bedingt laut den Schrifttafeln, ausgestoßen von einem Schamanen, die Seelenwanderung und Wiedergeburt eines Toten. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass mit vielen falschen Fährten von einem Mord innerhalb einer Familie abgelenkt werden sollte – einem Mord mit sehr diesseitigen Motiven.

Die höchst kompliziert konstruierte, ziemlich altmodische Krimihandlung interessiert Savard freilich nur in zweiter Linie. Er zitiert nicht nur grafisch mit Hingabe, sondern auch bei seiner Story: Immer wieder stellt er Bezüge zu einem großen französischen Krimiautor her: Leo Malet – bis dahin, dass er einen der Expeditionsteilnehmer Leon Malhet tauft. Auch Malet ließ seine Bücher im Frankreich der 30er- und 40er-Jahre spielen, auch er hatte einen Hang zu verwickelten Plots. Damit ergibt sich implizit ein weiterer Bezug: Mehrere Romane Malets wurden von Jacques Tardi in Comics umgesetzt, einem Meister der Ligne Claire, der mit seiner Grafik ein noch eigenartigeres Zeitkolorit hervorzurufen versteht. Wobei man Savard bescheinigen kann, kein Tardi-Epigone zu sein – er teilt nur dessen ästhetische Vorlieben.

Typische Publikationsgeschichte eines Erwachsenen-Comics


Savard, ein 58-jähriger ehemaliger Englischlehrer, der als Comiczeichner schon früh mit Preisen ausgezeichnet worden ist, hat in Frankreich zwölf Folgen seiner Detektivserie veröffentlicht. Der 7. Schrei erschien dort im Jahr 2000. In Deutschland hatte zunächst Carlsen mit Dick Herrison sein Glück versucht, das Unternehmen aber nach vier Alben wieder beendet. Seitdem erscheint die Serie unter dem Label „Alles Gute!“ beim kleinen Verlag Schreiber & Leser. Darin bildet sich eine Entwicklung auf dem deutschen Comicmarkt ab: In den 80er- und 90er-Jahren hatten Comics für Erwachsene ihren Durchbruch erlebt. Gleichzeitig ging den Comicverlagen allerdings ihre bisherige Basis der jugendlichen Fans zunehmend verloren, die heute fast nur noch mit Mangas anzusprechen sind.

Aber auch die Erwachsenencomics stießen bald an kommerzielle Grenzen; ihr Höhenflug endete bald wieder mit einer deutlichen Marktübersättigung. Die Marktführer Carlsen und Ehapa stellten schließlich ihre Programme radikal um. Kleinere Verlage besetzten Nischen und bedienen seitdem die verbliebenen treuen Comicleser, die auch bereit sind, für gutes Material etwas tiefer in die Tasche zu greifen. So teilt Dick Herrison seine Publikationsgeschichte mit manchen anderen, insbesondere franko-belgischen Albenserien, die vor etwa 15 Jahren hier zu Lande unter dem Etikett „Comic-Kunst“ noch große Erfolge feierten. Und dem Verlag Schreiber & Leser ist zu danken, dass er das Risiko eingeht, Savards Werke zumindest in vermutlich kleiner Auflage deutschen Liebhabern und Kennern zugänglich zu machen.

 

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