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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 23:31

Robert Venditti/Brett Weldele: The Surrogates

23.01.2010

Ich, der Robot

Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, ein anderer zu sein? Jünger, schlanker, attraktiver – in der Graphic Novel The Surrogates von Robert Venditti und Brett Weldele ist das möglich. Von MATTHIAS ROSS, der sich auch mit den beiden Künstlern unterhalten hat.

 

Das Jahr 2054: Eine neue Technologie hat die Welt im Sturm genommen und wird von fast jedem genutzt: die Surrogaten. Es sind humanoide Roboter, die von zu Hause aus gesteuert werden und den Usern den vollen Sinneseindruck vermitteln, den sie ‚live‘ vor Ort hätten. Als Konsequenz dieser Technologie verlässt kaum noch jemand die eigenen vier Wände und die Welt ist ein sicherer Ort geworden; seit Jahren ist kein Mord mehr geschehen, Unfälle mit Todesfolge sind ausgestorben. Man sieht nur noch schöne Menschen auf der Straße und Rassen- und Geschlechterdiskriminierung haben ein Ende gefunden, da man Aussehen und soziale Identität nun selbst bestimmen kann. Die Welt wäre perfekt, wäre da nicht ein Terrorist, der die Surrogatentechnologie vernichten will. Die Polizisten Harvey Greer und Pete Ford sollen ihn stoppen, doch Greer sympathisiert mit den Motiven des vermummten Rebellen ...

 

Second Life

Beim Lesen von The Surrogates käme man nicht darauf, dass es sich um die erste Veröffentlichung des Autors Robert Venditti handelt. Zu clever ist der Comic konstruiert, zu sorgfältig durchdacht die Handlung. Venditti macht sich die Mühe, nicht nur eine Geschichte zu erzählen, sondern eine ganze Welt zu entwerfen. The Surrogates ist angefüllt mit Bonusmaterial, das zwischen die Kapitel eingefügt ist und uns die Surrogatenwelt näher bringt: Transkripte von Fernsehsendungen aus der Zukunft, fiktive wissenschaftliche Artikel über die Surrogatentechnologie inklusive Fußnoten (!) und aktuelle Zeitschriften des Jahres 2054 mit Werbung und Kontaktanzeigen wechseln sich ab und vermitteln das Porträt einer Gesellschaft, in der die Technik jeden Moment des Lebens bestimmt. Der Comic orientiert sich in diesem holistischen Ansatz am Aufbau von Alan Moores Watchmen, das Venditti auch als eines seiner Vorbilder benennt.

 

Thematisch erinnert The Surrogates jedoch eher an klassische Science-Fiction Geschichten wie Do Androids Dream of Electric Sheep? und I, Robot. Dabei ist die Idee der Surrogaten eine konsequente Weiterentwicklung technologischer Trends von heute: Onlinespiele wie Second Life und World of Warcraft standen mit Sicherheit Pate bei Vendittis Einfall, durch Roboter in eine andere Rolle schlüpfen zu können. Auf der Meta-Ebene wird hier die Frage erörtert, was denn die eigene Identität im Internetzeitalter noch ausmacht. Eine gesunde Portion Sozialkritik schwingt auch mit, wenn sich der Comic-Held Greer mit dem Schönheitswahn und der Technologiehörigkeit seiner Mitmenschen auseinandersetzen muss. So kopflastig das im ersten Moment klingt, gelingt es Venditti jedoch, diese Gedanken schlüssig in eine Krimi-Handlung einzubetten und die Spannung das ganze Buch hindurch zu halten. Man fiebert aber auch deswegen mit, weil Venditti mit interessanten Charakteren zu überzeugen weiß, deren Probleme sich ‚echt‘ anfühlen: Die Beziehung Greers zu seiner Frau ist für die Handlung beispielsweise genauso wichtig wie die Jagd auf den Terroristen.

 

Weniger ist mehr

Einen großen Beitrag zur emotionalen Involvierung des Lesers leistet auch das expressionistische Artwork von Brett Weldele. Karge Bildkompositionen, in harten und kantigen Tuschestrichen aufs Papier gebracht, lassen dem Betrachter viel Raum die eigene Fantasie spielen zu lassen, evozieren das Geschehen dabei mehr, als dass sie es exakt widerspiegeln würden. Die monochrome Farbgebung Weldeles oszilliert dabei je nach Stimmungslage zwischen einem warmen, herbstlichen Goldgelb und einem kühlen Eisblau. In Verbindung mit Robert Vendittis intelligenter Geschichte ergibt sich so ein kluger Science-Fiction-Comic in der Tradition klassischer Autoren des Genres wie Isaac Asimov, Robert A. Heinlein und besonders Philip K. Dick, der sich nicht nur mit der Technik beschäftigt, sondern auch mit der Frage, welchen Einfluss sie auf das Leben der Menschen hat. Als Fazit lässt sich sagen, dass The Surrogates unbedingt lesenswert ist. Kein Wunder, dass die Geschichte umgehend verfilmt wurde und jetzt auch bei uns in den Kinos zu sehen ist.

 

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