Second Life
Beim Lesen von The Surrogates käme man nicht darauf, dass es sich um die erste Veröffentlichung des Autors Robert Venditti handelt. Zu clever ist der Comic konstruiert, zu sorgfältig durchdacht die Handlung. Venditti macht sich die Mühe, nicht nur eine Geschichte zu erzählen, sondern eine ganze Welt zu entwerfen. The Surrogates ist angefüllt mit Bonusmaterial, das zwischen die Kapitel eingefügt ist und uns die Surrogatenwelt näher bringt: Transkripte von Fernsehsendungen aus der Zukunft, fiktive wissenschaftliche Artikel über die Surrogatentechnologie inklusive Fußnoten (!) und aktuelle Zeitschriften des Jahres 2054 mit Werbung und Kontaktanzeigen wechseln sich ab und vermitteln das Porträt einer Gesellschaft, in der die Technik jeden Moment des Lebens bestimmt. Der Comic orientiert sich in diesem holistischen Ansatz am Aufbau von Alan Moores Watchmen, das Venditti auch als eines seiner Vorbilder benennt.
Thematisch erinnert The Surrogates jedoch eher an klassische Science-Fiction Geschichten wie Do Androids Dream of Electric Sheep? und I, Robot. Dabei ist die Idee der Surrogaten eine konsequente Weiterentwicklung technologischer Trends von heute: Onlinespiele wie Second Life und World of Warcraft standen mit Sicherheit Pate bei Vendittis Einfall, durch Roboter in eine andere Rolle schlüpfen zu können. Auf der Meta-Ebene wird hier die Frage erörtert, was denn die eigene Identität im Internetzeitalter noch ausmacht. Eine gesunde Portion Sozialkritik schwingt auch mit, wenn sich der Comic-Held Greer mit dem Schönheitswahn und der Technologiehörigkeit seiner Mitmenschen auseinandersetzen muss. So kopflastig das im ersten Moment klingt, gelingt es Venditti jedoch, diese Gedanken schlüssig in eine Krimi-Handlung einzubetten und die Spannung das ganze Buch hindurch zu halten. Man fiebert aber auch deswegen mit, weil Venditti mit interessanten Charakteren zu überzeugen weiß, deren Probleme sich ‚echt‘ anfühlen: Die Beziehung Greers zu seiner Frau ist für die Handlung beispielsweise genauso wichtig wie die Jagd auf den Terroristen.