von Michael Ebmeyer Der Schauspieler Gary Oldman im Interview Zwei Jahre Digitale Spiele bei TITEL-Kulturmagazin Roedelius: Plays Piano (Live in London 1985) Zum Tod der Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska Didier Convard / Jean-Christophe Thibert: Kaplan & Masson Band 1, Die Chaostheorie
Mittwoch, 08. Februar 2012 | 08:41

Inger Wolf: Frost und Asche

13.02.2010

Die dänische Provinz als Ort des Übels

Ein Krimi über Pädophilie geht eigentlich gar nicht! Oder? Doch! Die Autorin Inger Wolf hält die Balance zwischen hochsensiblem Thema und spannender Unterhaltung. Herausgekommen ist ein überzeugender Kriminalroman aus Dänemark. TANJA SIEG hat mit ihr ein E-Mail-Interview geführt.

 

Inger Wolf hat ihren Nachnamen vom deutschstämmigen Großvater mütterlicherseits übernommen, ist 1971 in Herning/Jütland geboren und schreibt seit ihrem 15. Lebensjahr. Der erste Versuch – ein Roman über eine Rockband – landet nach eigenen Angaben im Mülleimer. 2000 debütiert sie mit ihrem ersten Roman Sidespring (zu deutsch Seitensprung), inspiriert von Bret Easton Ellis’ American Psycho und Glamorama. Seitdem schreibt sie erfolgreich Bücher, unter anderem Kriminalromane mit dem Ermittlerduo Daniel Trokic und Lisa Kornelius aus Århus. Für den ersten Band dieser Reihe Spätsommer erhält sie 2006 den Preis der dänischen Kriminal Akademi für das beste Krimidebüt.

 

Auch in Inger Wolfs neuem Roman Frost und Asche ermittelt das erprobte Team wieder zusammen. Kommissar Trokic, Ende dreißig und aus Kroatien stammend, stellt dabei den prototypischen Eigenbrödler und „unbelehrbaren Sturkopf“ dar. Er handelt stets mit einer gewissen Autonomie, die in vielen Fällen völlig unvereinbar mit der Polizeiarbeit ist. Doch „seine ganz spezielle Begabung, Verhaltensmuster zu erkennen“, macht ihn zu einem besonders erfolgreichen Ermittler. Kriminalassistentin Kornelius hat sich nach anfänglichen Schwierigkeiten mit ihrem männlichen Gegenpart arrangiert und trotz aller Gegensätze zu gegenseitigem Respekt gefunden. Aber die abgefeimte Kriminalassistentin ist starken Tobak gewöhnt. Nicht zuletzt, weil sie drei Jahre lang bei der Kopenhagener Polizei als hervorragende IT-Expertin mit dem Aufspüren und Ausheben pädophiler Netzwerke zu tun gehabt hatte. Doch davon „hatte sie jedoch irgendwann genug“.

 

Daher sind weder Daniel Trokic noch Lisa Kornelius sonderlich begeistert, als sie zu einem neuen Fall gerufen werden. Eine Kinderleiche wird mit bösen Brandwunden an den Händen und mit einer Angelschnur um den Hals aus einem nahe gelegenen Bach gezogen. Es handelt sich um den achtjährigen Lukas Mørk und schnell ist klar, dass der Junge ermordet wurde. „Warum gerade er?“ Das Motiv fehlt!

 

Nicht nur der tiefe Schnee und die eisige Kälte erschweren den Ermittlern Trokic und Kornelius die Arbeit, sondern auch das beharrliche Schweigen der Bewohner des kleinen, idyllisch anmutenden Städtchens Mårslet. Jeder im Dorf scheint etwas zu verheimlichen oder einfach nur vergessen zu wollen. „Eine totgeschwiegene Welt.“

 

Pädophilie ist bestimmt kein Thema, mit dem man sich einfach mal so auseinandersetzt. Inger Wolf jedoch weiß genau, wie sie sich dem Thema zu nähern hat und versucht, die Welt zwischen menschlicher Dekadenz und Bösartigkeit auszuloten.

 

Inger Wolf im Gespräch

Der skandinavische Roman und die dänische Provinz

 

Tanja Sieg: Ihre Romane sind bereits in Holland, Norwegen und Spanien erschienen und Ihr zweiter Roman ist ins Deutsche übersetzt. Erhalten Sie unterschiedliche Leserreaktionen aus den einzelnen Ländern? Norwegen beispielsweise gilt ja als hardboiled- Krimikulturland.

 

Inger Wolf: Die Leserkommentare, die ich aus den einzelnen Ländern erhalten habe, sind glücklicherweise überwiegend positiv. Dennoch ist die Begeisterung in Spanien und Deutschland größer. Darüber habe ich viel nachgedacht und ich denke, dass es mit den unterschiedlichen Erwartungen in jedem Land zusammenhängt. Viele skandinavische Autoren sind mit Sjöwall und Wahlöö als Bezugspunkt aufgewachsen und schreiben somit gesellschaftskritische Kriminalromane. Entsprechend scheinen skandinavische Leser diese Thematik zu bevorzugen. Ich selbst bin mit Agatha Christie und Patricia Cornwell herangewachsen und lege beim Schreiben größere Gewichtung auf die Psychologie.


Das deutsche Publikum liebt skandinavische Romane. Warum?

 

Es ist fast schon zur Tradition geworden, Kriminalromane in Skandinavien zu schreiben und ich finde, die Krimis haben generell ein hohes Niveau. Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass man sich Skandinavien als außerordentlich idyllisch und hyggelig, also gemütlich, vorstellt. Aber auch ein wenig abenteuerlich und wild. Der skandinavische Kriminalroman stellt somit eine Kombination aus Anspruch, Lieblichkeit und Rauheit dar. Und das scheint man in Deutschland zu mögen.


In Ihrem neuen Roman haben Sie die idyllische Kleinstadt Mårslet als Ausgangspunkt Ihrer Handlung gewählt. Was ist das Interessante an der dänischen Provinz?

 

Die dänische Provinz ist ursprünglicher und noch sehr verhaftet in sich selbst. Es fehlt häufig die Einmischung von Außen. Zudem gibt es viele alte Städte in naturnaher Umgebung. Ich liebe diese kleinen Orte. Hier kenne ich mich am besten aus. Während des Schreibens brauche ich eine direkte Verbindung zu meiner Umwelt. Nur dann kann ich lebendig schreiben.

 

Den Ort Mårslet habe ich gewählt, da die Stadt ausgesprochen idyllisch wirkt und in einer traumhaften Landschaft liegt, umgeben von Wiesen und Feldern. Zudem läuft ein hübsches Bächlein durch den Ort, sodass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, dort eine Leiche anzubringen. Die anheimelnde Natur liefert somit einen scharfen Kontrast zum Bösen im Buch.

 

Akribische Recherchearbeit

Auf Ihrer Homepage erzählen Sie, dass die männliche Hauptperson Daniel Trokic Ihren Musikgeschmack geerbt hat – Rammstein ausgenommen. Gibt es andere Übereinstimmungen?

 

Ganz klar hat Daniel Trokic die meisten Übereinstimmungen mit mir. Ich liebe es, über ihn zu schreiben und tief in seine Geschichte einzutauchen. Wir beide sind gelegentlich melancholisch, reserviert und denken sehr logisch. Darüber hinaus hat er meine alte Katze Pjuske geerbt und das Reihenhaus, in dem ich aufgewachsen bin.

 

Und wie verhält es sich mit Ihrer weiblichen Hauptrolle Lisa Kornelius. Gibt es auch hier Gemeinsamkeiten?

 

Lisa hat einige meiner empfindlichen und weiblichen Seiten. Außerdem habe ich selbst zwölf Jahre in der IT-Branche gearbeitet. Es ist somit naheliegend, dass Lisa Kornelius das Computersystem verwaltet und Verbrecher im Internet jagt. Ich kann aus dem Fundus meiner eigenen Erfahrungen schöpfen und das ist genial.

 

Ihre Hauptpersonen und deren Ermittlungsmethoden wirken überzeugend und fachlich sehr kompetent. Wer oder was sind Ihre Quellen?

 

Ich verfüge über verschiedene Quellen. Bei Fragen zur Rechtsmedizin beispielsweise kontakte ich immer einen Professor, der sich ausgezeichnet auf dem Gebiet auskennt. Wenn ich Informationen über einen bestimmten Reifentypen benötige, frage ich beim Reifenhändler nach; muss ich etwas über Pflanzen wissen, frage ich einen Botaniker usw. Darüber hinaus habe ich gute Kontakte zur Polizei. Eine Kriminalassistentin liest alle meine Bücher und überprüft sie auf eventuelle Fehler beziehungsweise Ungereimtheiten. Akribische Recherche ist für mich außerordentlich wichtig, denn meine Leser sollen einwandfrei informiert werden.


Entsprechend überzeugend präsentieren Sie die übrige Personengalerie, das heißt Familienmitglieder, Dorfbewohner etc. Wie kommen Sie so dicht an die gefühlsmäßige Ebene der Personen heran?

 

Zuallererst denke ich, dass ich mich – wie die meisten Autoren – gut in die Gefühle der Personen hineinversetzen kann. Gleichzeitig versuche ich aber, eigene schmerzhafte Erinnerungen aufzuarbeiten. Diese übertrage ich dann auf bestimmte Situationen in meinem Roman.

 

Der psychologische Aspekt

Welche Rolle spielt die Psychologie in Ihren Romanen?

 

Psychologie spielt eine sehr große Rolle in meinen Büchern und nimmt entsprechend einen großen Platz ein. Wie ich schon zu anfangs gesagt habe, interessiert mich der gesellschaftskritische Blickwinkel weniger. Natürlich verarbeite ich hier und da auch einen kritischen Kommentar. Doch grundlegend will ich keinen Diskussionsbeitrag leisten. Ich denke nicht, dass ich Dinge verändern kann. Das können andere Schriftsteller besser als ich.

 

Sie konfrontieren Ihre Leser mit der klassischen Opfer-Täter-Thematik. Was interessiert Sie am meisten daran: die Psyche des Opfers oder des Täters?

 

Am meisten interessiert mich die Psyche des Täters. Zum einen will ich die weichen und gefühlvollen Seiten eines Gewaltverbrechers herausarbeiten, der vielleicht klassische Musik liebt oder ein besonders inniges Verhältnis zu einem Tier hegt. Zum anderen will ich zeigen, wie Täter in der Lage sind, ohne Skrupel jemanden kaltblütig umzubringen. Veranlagung und soziales Milieu sind weitere Faktoren, die ich mit einbeziehe. Das komplexe und nuancierte Persönlichkeitsbild, das so entsteht, fasziniert mich.

 

Der Umgang mit Tabus

Sie beschäftigen sich in Ihrem Roman mit Pädophilie und sexuellem Missbrauch an Kindern. Weshalb gerade dieses Thema?

 

Pädophilie ist ein sehr schmerzhaftes Thema. Ich will selbst verstehen, wie es zu dieser Bosheit gegenüber Kindern und auch von Kindern untereinander kommen kann. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich es eben durch die Thematisierung schaffe, das Unverständliche begreifbar zu machen.

 

Gibt es Themen, über die Sie nie schreiben würden?

 

Eigentlich habe ich keine ausgesprochenen Tabuthemen. Aber ich schreibe nie über Personen, die noch leben – mit Rücksicht auf deren Gefühle. Zudem nähere ich mich immer sehr vorsichtig einem Thema an. Denn auch wenn ich über ein generelles Thema schreibe, so kann es immer einen Leser geben, der von diesem Thema im Speziellen betroffen ist. Ich will niemanden verletzen und kein Thema bagatellisieren.

 

Der gute Kriminalroman

Was ist das entscheidende Kriterium, das Ihren Schreibprozess in Gang setzt? Wann werden Sie neugierig?

 

Mich interessieren Ereignisse, die tatsächlich passieren, von denen ich gelesen oder gehört habe. Beispielsweise habe ich von einem Mann gelesen, der sein Opfer misshandelte und die Tat gleichzeitig auf dem Mobiltelefon aufnahm. Ich versuche mir vorzustellen, was gerade in diesem Augenblick im Kopf des Täters vor sich geht. Was treibt ihn an, was ist seine Motivation?

 

Einige Autoren betrachten das Krimi-Genre als reine Unterhaltung. Wie sehen Sie das?

 

Für mich ist ein Kriminalroman Unterhaltung. Gleichzeitig hoffe ich aber, dass der Leser die gleiche Zufriedenheit erhält, die mich überfällt, wenn ich sehe, dass das Gute siegt und das Böse verliert.


Nennen Sie drei Zutaten, die einen guten Kriminalroman ausmachen.

 

Psychologische Einsicht, raffinierte Handlung und gute Sprache.

 

Warum genau diese drei?

 

Die psychologische Einsicht ist wichtig, um mein eigenes Interesse festzuhalten und genügend Tiefe in den Roman zu bringen. Die Handlung soll durchdacht und überraschend sein, sodass der Leser intellektuell herausgefordert wird. Und die Sprache muss gut sein, damit alle Zutaten zusammen lebendig und einzigartig wirken.


Vielen Dank für das Interview.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Frauen!

Eine junge Werbekauffrau verliert an einem einzigen Tag ihren Job, ihren Liebsten und ihre Wohnung. Da muss schnell ein neuer Lebensplan her. Gut, ein Job als Putzfrau lässt nicht jedes ...

Schönheit und Freiheit

… findet SABINA SCHUTTER unwiderstehlich. Und folgt Natsuo Kirino auf der Suche danach …

Sex - Macht - Manipulation - Kontrolle

Erst vor wenigen Wochen lief die 6. und damit letzte Staffel der Serie Hautnah - Die Methode Hill im ZDF. Als bekannt wurde, dass der britische Sender ITV die Produktion wegen zu hoher ...

Die Nazis in Belgien

Ein düsteres Kapitel der belgisch-deutschen Vergangenheit bildet den Rahmen für Ingrid Hedströms Die toten Mädchen von Villette. Ob sie das in der Geschichtsstunde ...

Die alltägliche Physik des Verbrechens

Man glaubt es nicht, aber der Sommer naht und es soll Menschen geben, die nicht mit zwei T-Shirts und 19,8 kg Büchern in ihren Sommerurlaub aufbrechen. All jenen sei von SABINA SCHUTTER das ...

Der Blick in die Zukunft

Am 6. Oktober hatte die gesamte Menschheit für 2 Minuten und 17 Sekunden einen Blackout. Dabei blickte die ganze Welt ein halbes Jahr in die Zukunft. FlashForward, ein neues ...

Meine Carrie heißt Lisa

Christine Lehmann gehört mit ihren Lisa-Nerz-Romanen zur ersten Garde der deutschen Kriminalliteratur. Jetzt gibt es auch eine Sammlung von Lisa-Nerz-Storys. SABINA SCHUTTER hat sich sofort ...

Granit, in den kleine Herzen gemeißelt sind

Am 11. Mai würde Ulf Miehe 70 Jahre alt.

Eine Hommage von D.B. BLETTENBERG

Alles tadellos im County

ANNA V. WUTSCHEL kann’s nicht lassen. Sie guckt für ihr Leben gerne Inspector Barnaby, amüsiert sich blendend und teilt ihre Freude mit uns.

Fremde oder Freunde

Wo hört die Freundschaft auf, beim Geld oder beim Tod? In Mord unter Freunden tut ihr beides nicht gut. JUDITH HAMMER hat sich das schon gedacht und den neuen Roman der allseits ...

Auf Glanz polierte Haken

Die Technologie rückt uns immer mehr zu Leibe, Realitäten verschieben, überlagern sich. Und bald müssen wir kaum noch ins Internet, weil sich im Outernet die physische ...

"Besser als jetzt wird das Leben nie mehr"

Und teurer Whiskey ist bedeutend besser als billiger. Diese und andere Weisheiten über das Leben hat JUDITH HAMMER in Håkan Nessers Roman Das zweite Leben des Herrn Roos ...