Porcupine Tree: The Incident
Ein 55 Minuten langer Longtrack unterteilt in 14 kleinere Einheiten, darunter einiges, das man guten Gewissens als herkömmliche Songs etikettieren könnte, und zahlreiche wüste Soundlandschaften von schroff bis zart, elektronisch bis handgemacht verzerrt – das klingt doch nach Prog? Und ja, es ist Prog, und zwar in seiner vielleicht derzeit schönsten Ausprägung. Steve Wilson lädt mit seinen musikalisch samt und sonders außerordentlich versierten Bandgefährten zu einer reichhaltigen Klangmatinee; komplex und doch nie überladen, traditionsbewusst und doch auf der Höhe der Zeit.
Mit schöner Regelmäßigkeit veröffentlichen Porcupine Tree, die ungekrönten Könige des Neo-Prog, alle zwei Jahre einen neuen Longplayer, und irgendwie beschlich den Hörer nach dem durchwachsenen „Deadwing“ (2005) und dem großartigen, aber garstig-metallischen „Fear Of A Blank Planet“ die dunkle Ahnung, dass Wilson nicht mehr so recht auf den Pfad der Tugend zwischen sphärischem Pop, konzentriertem Prog-Rock und Soundspielereien zurückfinden würde. Immerhin hatte er als Komponist, Sänger und Multiinstrumentalist nicht nur seine eigenen Projekte No-Man, Blackfield und sein Soloalbum kreativ befeuert, sondern auch so unterschiedliche Formationen wie die Konsens-Metaller Opeth und die bezaubernde Anja Garbarek produziert.
Umso überraschender ist „The Incident“ nun ausgefallen: Zwischen bösartigen Soundscapes, vereinzelten Ausflügen in das Reich der harten Gitarren und instrumentellen Finessen verstecken sich – angeführt vom zwölfminütigen „Time Flies“ – die feinsten und auf das Wesentlichste reduzierten Songperlen seit dem 2002 erschienen Referenzwerk „In Absentia“, die irgendwo zwischen Radiohead, Opeth und Pink Floyd aufschlagen und keinen Freund gepflegter rockmusikalischer Unterhaltung kalt lassen sollten. Ein erfreulich klischeefreies, in zahlreichen Facetten schimmerndes kleines Meisterwerk, keine Frage.
Porcupine Tree: The Incident. Roadrunner Records (Vertrieb: Warner).
Porcupine Tree bei MySpace