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08.10.2009

Unter der Glitzerkugel

Musikalische Neuigkeiten auf einen Blick – diese Woche mit Dizzee Rascal, Jamie T, Tower of Power, Noisettes und Die Sterne. Von BENJAMIN BORGERDING und SEBASTIAN KARNATZ.

 



Jamie T: Kings & Queens

Der Wunderknabe aus Wimbledon ist wieder da. Nein, gemeint ist nicht Boris Becker, der völlig überraschend in sein grünes Wohnzimmer zurückkehrt. Gemeint ist Jamie T, gemeint ist Wimbledon, der Londoner Vorort, nicht das berühmteste Tennisturnier der Welt. Und gemeint ist Kings & Queens, Jamies neues Album, sein zweites. Parallelen zwischen Jamie T und dem rotschöpfigen Leimener gibt es jedoch einige. Die vordergründigste: Beide haben in zartem Alter eine Abgeklärtheit in ihrem jeweiligen Beruf erreicht, die einen ganz schön deprimieren kann.
Boris Becker war sagenhafte siebzehn, als er das erste Mal in Wimbledon gewann, Jamie T zwanzig, als er seine erste Single „Sheila“ herausbrachte. „Panic Prevention“, das Album, mit dem Jamie 2007 debütierte, war das Album eines Popmusik-Connoisseurs. Es bediente sich zugleich ehrfürchtig und respektlos aus allen möglichen Genrepötten der letzten zwanzig bis dreißig Jahre. Die ungefähren Eckpfeiler stellten dabei Hip-Hop, Reggae und Punk. Für mich klang Jamie T immer wie das legitime Update von The Clash – zumindest musikalisch. Etwas hedonistischer vielleicht und weniger politisch. Und eben: Ohne Band. Jamie T bastelt seine Tracks zu Hause im Schlafzimmer. „Panic Prevention“ bestach dabei zwar durch seine Souveränität, doch es hätte niemals von einem stammen können, der auch nur einen Tag älter wäre. Ein Adoleszenz-Album reinsten Wassers. Jeder einzelne Songs strotzt vor ungebremster jugendlicher Lebensgier.
Mittlerweile ist Jamie 23, also nicht mehr ganz so jung. Deshalb ist es interessant zu hören, wie er sich auf „Kings & Queens“ gebärdet. Die erste Single „Sticks & Stones“ könnte dabei symptomatisch für das ganze Album stehen. Sie steht zwar ganz unter dem Vorsatz „Let's go out and find some trouble“ und im Refrain jubelt Jamie in gewohnt ausgelassener Weise, gebrochen wird die jugendliche Unbeherrschtheit jedoch bereits durch ganz feine Nostalgie: In der Strophe rapsingt Jamie über das Jungsein und Älterwerden in Wimbledon. Es klingt schon fast ein bisschen wehmütig – aber nur fast. Dieses zaghaft Sentimentale, das niemals in Melancholie umkippt, blitzt auch in anderen Stücken auf – stets nur in kurzen Andeutungen.
Die Veränderungen im Vergleich zu „Panic Prevention“ sind graduell, nicht grundsätzlich. Vielleicht ist auf „Kings & Queens“ nicht mehr das flinke Serve & Volley (übrigens Beckers Spezialität), aber es ist noch längst kein müdes Grundlinienspiel. Gut so: Denn die beiden schwächeren Songs des Albums sind die Balladen „Jilly Armeen“ und „Emily's Heart“. Hier spielt Jamie seine Stärken nicht voll aus. Ein Höhepunkt dagegen das einigermaßen wütende "Castro Dies", in dem er zeigt, dass er nicht bloß krude verschiedenene Stilrichtungen durcheinander würfelt, sondern richtig gut rappen kann.
Das Fazit: „Kings & Queens“ bestätigt alles in allem die auf dem ersten Album erbrachte Leistung. Auch in dem Punkt ist also alles wie bei Becker: Der hat nach seinem ersten Erfolg 1985 auch 1986 in Wimbledon gewonnen, Gegner damals: Ivan Lendl.

Benjamin Borgerding


Jamie T: Kings & Queens. Virgin (Vertrieb: EMI).
Jamie T bei MySpace



Tower of Power: Great American Soulbook

Denkt man an Tower of Power, so beginnen unweigerlich alle vorhandenen Gliedmaßen zu zucken. Tower of Power, das ist doch jene Funk-Soul-Formation, die mit ihren Bläsersätzen auch Alben von Elton John, Rod Stewart und Phil Collins veredelte; das ist doch jenes Groove-Monster, das uns mit Songs wie „What Is Hip“ ewig junge Tanzflächenstürmer beschert hat; und das ist doch nicht zuletzt jenes Musikerkollektiv, das wahnwitzig komplizierte rhythmische Finessen so locker und leicht klingen lässt, dass man gar nicht mehr wirklich über das Gehörte nachgrübeln mag?
Jawohl, exakt das ist Tower of Power. Zu ihrem 40-jährigen Jubiläum haben die Legenden nun ins Studio gerufen, um das „Great American Soulbook“ zu zelebrieren, und andere Legenden sowie hoffnungsvolle Newcomer sind dem Ruf gefolgt. Sie feiern mit den gewohnt tight aufspielenden und aufsingenden – Larry Braggs ist ohne Zweifel einer der ganz Großen seiner Zunft – Tower of Power eine dicke Funk- und Soulparty, wie sie in dieser rhythmischen Perfektion wohl kaum ein anderes Ensemble auf diesem Erdball hinbekommt. Zu diesem besonderen Anlass haben die Herren feine Coverversionen von James Brown, Stevie Wonder und anderen ausgewählt, aber auch extrem süßen Motown-Kitsch wie „It Takes Two“, vor dem Tower of Power allerdings noch nie gefeit waren. Da eben jenen Song die großartigste Mainstream-Soul-Stimme Amerikas, Joss Stone, intoniert, verzeiht ihnen man auch diese geschmackliche Extravaganz leicht. Desweiteren schlagen sich auch der Tiger Tom Jones und Huey Lewis – genau, eben jener Huey Lewis! – als Braggs’ Duettpartner sehr achtsam. Dazu intoniert der große Sam Moore (Sam & Dave) sehr soulful Otis Reddings „Mr. Pitiful“. Die mit Abstand größte Überraschung auf der illustren Gästeliste ist Stefan Raabs neueste Entdeckung Stefanie Heinzmann, die sich bei „Since You’ve Been Gone (Baby, Baby, Sweet Baby)“ absolut anständig präsentiert und wohl gerade auf dem Weg ist, das zu werden, was Max Mutzke seit seinem – trotzdem durchwachsenen – letzten Album bereits ist: eine ernsthafte Soulstimme.
Da mag man ihr auch das unsägliche Metallica-Cover „The Unforgiven“ nachsehen. „The Great American Songbook“ ist eine feine CD geworden, die noch einmal nachdrücklich den Ausnahmestatus dieses Funk-Kollektivs unterstreicht. Die unglaubliche Power der Band kann man allerdings live wohl noch etwas besser nachvollziehen als auf CD. Da trifft es sich ja gut, dass Tower of Power für eine handvoll Shows nach Deutschland kommen...

Sebastian Karnatz


Tower of Power: Great American Soulbook. Top Records (Vertrieb: Edel).
Homepage von Tower of Power (mit Tourdates)


 

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