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15.10.2009

Unironische Designerbommelmütze

Musikalische Neuigkeiten auf einen Blick – diese Woche mit Editors, Yacht, Solander, Richard Hawley, der Compilation „Beyond Istanbul 2“ und einer Jubiläumsausgabe von David Bowies „Space Oddity“. Von SEBASTIAN KARNATZ

 



Solander: Since We Are Pigeons

Hört man dieses Album, meint man den schwedischen Singer/Songwriter Frederik Karlsson über schneeverwehte Landschaften spazieren zu sehen, gut eingehüllt in einen betont unprätentiösen, aber sehr schicken Schal, mit einer charmant zurückhaltenden, aber eigentlich sauteuren Bommelmütze. Dieses Bild beschreibt die Musik von Karlssons Soloprojekt Solander eigentlich recht zutreffend: Karlsson tut alles dafür, dass wir ja nicht meinen, er würde sich irgendwie zu wichtig nehmen – und lässt sich dies einiges kosten. So lädt er uns zu einem beschaulichen Bummel nach „Berlin“ ein, besucht in seinen Texten ein Fleet-Floxes-Konzert und besingt eine „Night in Vagnhärad“.

Das klingt alles ein bisschen wie früher dEUS zu den seligen Zeiten von „The Ideal Crash“ oder wie Why? und die Fleet Floxes heutzutage – also verflucht relaxt. Doch das zumindest bei dEUS immer wieder an der Oberfläche durchschimmernde Zerstörungspotential kennt Karlsson indes nicht, er hat dafür eben eine latent melancholisch ausschauende Designerbommelmütze. Nichts an diesem Album ist schlecht, vieles gut, alles geschmackvoll arrangiert und kompetent produziert. Karlsson selbst singt mit brüchig-melancholischem Stimmchen – so wie man es erwartet – und führt anständig durch ein durchweg ebenfalls anständiges Album, das immerhin mit jedem weiteren Hören wächst. Aber das nächste Mal sollte das doch bitte alles etwas weniger brav und, jetzt sage ich es doch, langweilig werden.

Sebastian Karnatz


Solander: Since We Are Pigeons. A Tendervision Recording (Vertrieb: Al!ve).
Solander bei MySpace



Richard Hawley: Truelove’s Gutter

Das ist es also, das Konsensalbum des Jahres 2009. Das Album, das jeder mit Geschmack, oder besser jeder, der denkt, er hätte Geschmack, besitzen und lieben muss. Und auch ich will dieses mal zum auserwählten Kreis von Kennern gehören, die einem noch Jahre später süffisant grinsend erklären, dass sie „Truelove’s Gutter“ selbstverständlich schon von Anfang an für einen kommenden Klassiker gehalten haben. Man sei schließlich nicht taub. Das bin ich auch nicht, aber dieses Ich, mein Ich, kämpft. Es widerstreitet sich, es ist ein Anderer – und das alles wegen Richard Hawley:

Ich I: Feine CD, was für ein Crooner! So smooth, dass Frank Sinatra gerade im Olymp vollkommen konsterniert eine Flasche Whiskey auf ex trinkt, so sophisticated und cool, dass Morrissey vor Schreck der goldene Löffel in die Suppe fällt und so abgründig, dass Tom Waits daheim auf seinem Bauernhof noch unverständlicher vor sich hin brummelt als sowieso schon.
Ich II: Aber, Sebastian, ich bitte dich: Das klingt teilweise wie James Last!
Ich I: Ja und?
Ich II: Das ist doch Kitsch! Warum sollten jetzt plötzlich alle auf Kitsch stehen?
Ich I: Mein Lieber, das sind aber ganz alte Bewertungsmuster. Du musst das relativ sehen.
Ich II: Aber Hawley macht das alles ohne Ironie. Der meint das so!
Ich I: Genau das ist ja das Großartige. Eine Crooner-CD, die sich noch dazu ernst nimmt. Melancholisch und monumental!
Ich II: Aber...
Ich I: Lass uns doch das Vergnügen! Wir haben ein Recht auf Country-Songs mit Hawaii-Flair, wir haben ein Recht auf das große Orchester, wir haben auch ein Recht auf Kitsch und Herzschmerz.
Ich II: Nun gut, zumindest singen kann er...
Ich I: Und was ist das nur für ein feiner Bariton! Wer hat denn heutzutage noch so eine Stimme? Eine Stimme, die eine Geschichte erzählt und nicht vor sich hin hinquietscht und sich dabei voll independent vorkommt?
Ich II: Naja, zugegeben, schön ist die CD ja schon...
Und da waren sie wieder zusammen – und ich weiß jetzt, dass ich Richard Hawleys „Truelove’s Gutter“ verehre. Ein Ich hat es sozusagen schon immer gewusst. Großes Kino, große melancholische Musik, der man sich einfach hingeben sollte. Und Sie, verehrte Leserinnen und Leser, haben es hier gelesen: Könnte eine Konsensplatte sein.

Sebastian Karnatz


Richard Hawley: Truelove’s Gutter. Mute (Vertrieb: EMI).
Richard Hawley bei MySpace


 

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