Eldar: Virtue
Wenn ein 22 Jahre junger Jazz-Pianist nach einer Grammy-Nominierung seine bereits vierte Aufnahme vorlegt und diese noch dazu mit „Virtue“ betitelt, dann mag der geneigte Hörer ob eines derart offensiv zur Schau gestellten Selbstbewusstseins durchaus stutzig werden. Virtus, das war für die römische Antike das idealtypische summum bonum – Tugend und Kunstfertigkeit, Kraft und Stärke, aber auch die maßvolle Einsicht in die eigene menschlich-allzumenschliche Beschränktheit. Nach einem Bonmot des Philosophen Joseph Joubert liebt das „Alter das Wenig, Jugend das Zuviel“. Irgendwie lässt sich auch nach wiederholtem Hören von „Virtue“ dieses Verdikt nicht aus dem Kopf des Rezensenten vertreiben. Eldar ist ohne Zweifel nicht nur ein guter, sondern ein herausragender Pianist, der sich in jüngsten Jahren entgegen der branchenüblichen Gesetze für Jazz und nicht für den Klassikbetrieb entschieden hat. Was Eldar auf „Virtue“ kredenzt, ist ein geschmackvoller Cocktail aus Klassikzitaten und modernem, tonal variablem Piano-Jazz, der jedoch nicht auf die eine oder andere Reprise aus dem traditionellen Repertoire verzichtet. Seine Eigenkompositionen hat Eldar im Trio mit Armango Gola am Bass und Ludwig Afonso am Schlagzeug eingespielt – und die drei harmonieren zusammen traumwandlerisch sicher auf höchstem Niveau. Auf der kleinen, aber sehr illustren Gästeliste befindet sich unter anderem der im Ton immer explosiver werdende Joshua Redman am Saxophon. Wollte man an Eldars Kompositionen unbedingt einen Makel finden, so ist es sein immer wieder latent durchschimmernder Hang zu 80er-Jahre-Fusion-Sounds, der inmitten des pulsierenden Trio-Sounds ab und an wie ein Fremdkörper wirkt. Und trotz allem ist „Virtue“ eben nicht jener große Wurf geworden, den man von Eldar noch erwarten muss. Seine virtus ist eben doch die Tugend der kraftmeierischen Kunstfertigkeit, nicht jene der maßvollen Selbstbescheidung. Man würde sich mehr Raum für Stille, für planvoll entwickeltes Spiel, für jene Momente, die aus guter Musik große Musik machen, wünschen. Bis Eldar diese Momente für sich entdeckt, können und dürfen noch einige Jahre vergehen – immerhin wird er bis dahin weiter anständige Jazz-CDs auf höchstem technischen Niveau veröffentlichen, mit denen man sich hervorragend die Wartezeit auf jenes große zukünftige Werk vertreiben kann.
Eldar: Virtue. Sony Classical (Vertrieb: Sony).
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