Creed: Full Circle
I’m entitled to overcome.“ Jesus, Maria, Josef ist das ein fettes Riff! Eine tief gestimmte Bratgitarre, saubere, sogar sehr saubere Rhythmusarbeit, eingängige Laut-Leise-Dynamik und dazu eine pathetisch satte Stimme, die in etwa so klingt, als habe Eddie Vedder beschlossen, seinen aus intellektueller Zurückhaltung auferlegten Zwang zu nöligem Neben-der-Spur-Singen aufzugeben, um anschließend seine vergessene Metallerseele zu feiern. In der Tat: Creed sind zurück! Und sie präsentieren sich unmissverständlich gleich zu Beginn so, wie sie der prinzipienfeste Alternative-Intellektuelle hassen gelernt hat: Zwar geht „Overcome“ mächtigst nach vorne, doch nach spätestens 45 Sekunden kommt das, was bei Creed nachgerade notwendigerweise kommen muss: der große, der ganz ganz große Radiorefrain mit allem Drum und Dran. Dass „Full Circle“ in den Vereinigten Staaten wieder abräumen wird und Creed mit ihrer Mischung aus sattem Rock, eingängigen Balladen und zum Teil christlichen Texten dort die Stadien füllen werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche – dass die Vereinigung der Band mit ihrem divahaften Sänger Scott Stapp eher monetären Interessen als warmherziger Caritas folgen dürfte, ebenso. Modernen Rock mit deutlicher Metal-Schlagseite auf der Höhe der Zeit haben Creed minus Scott Stapp unter dem Namen Alter Bridge nun bereits auf zwei Alben in Vollendung zelebriert. Dass Alter Bridge mit Myles Kennedy einen der ohne Zweifel besten Sänger des Genres in ihren Reihen wissen, dürfte die Reunionsgelüste ebenfalls nicht gesteigert haben. Und trotzdem: „Full Circle“ rockt, ein wenig platter als Alter Bridge, ein wenig zielstrebiger hin zum großen Radiorefrain vielleicht, aber mit ordentlich Wumms. Stapp hat in den letzten Jahren noch etwas an Dreck in der Stimme hinzugewonnen, so dass er selbst offensichtlichste Reißbrettballaden wie „Rain“ noch anständig über die Runden bringen kann. „Full Circle“ sollte also all jene befriedigen, die in Nickelbag nicht den leibhaftigen Teufel erkannt haben, die Alter Bridge für eine der ganz großen Rock-Bands des Jahrzehnts halten und die sich damit abfinden können, dass gut gemachte Radiomusik auch mal rocken kann. Alle anderen dürfen gerne weiterhin ihre Vorurteile pflegen.
Creed: Full Circle. Wind Up (Vertrieb: EMI).
Homepage von Creed