Es ist ein Klischee, aber es ist halt auch wahr: Er ist der Größte. Seit einem halben Jahrhundert wird er bewundert, seine Songs sind längst Folklore geworden, wer kann die Coverversionen noch zählen. Man preist seine Texte, auch wenn man sie nicht versteht und von Lyrik nicht allzu viel Ahnung hat, man summt seine Melodien. Und ein Tom Waits wäre wohl nicht denkbar ohne die Veränderung der Vorstellung von Gesang, die Bob Dylan in die Popmusik eingebracht hat. Seine großen Hits sind ja nicht besonders raffiniert, besonders komplex. Gerade ihre Schlichtheit hat ihnen Erfolg beschert, denn es ist – anders als beim Schlager – eine Schlichtheit, die einen Gedanken musikalisch ebenso auf den Punkt bringt wie im Text. Es ist der Gestus eines Motivs, der sich einprägt – Lay Lady Lay oder It Ain't Me, Babe oder Don't Think Twice.
Diesen Titel krächzt Bob Dylan auch in der Mannheimer SAP-Arena, gleich als zweiten Song seines Auftritts. Man erkennt ihn kaum, den einst von Joan Baez verbreiteten Titel, wie später dann Desolation Row, Highway 61 Revisited oder All Along The Watchtower. Manche Besucher sind sauer, weil der Gott unserer Jugend nicht wie ein lebender CD-Player funktioniert, seine Songs nicht reproduziert, wie man sie im Ohr hat. Aber ist es tatsächlich einem Menschen zuzumuten, dass er fünfzig Jahre lang seine Erfindungen abspulen soll, als wäre er ein Automat? Bob Dylan benützt sie als Material, und er macht seit langem bei jedem Konzert etwas anderes daraus. Er betreibt gegenüber seinen eigenen Melodien Dekonstruktion, schon ehe das Wort erfunden war. Darauf darf man sich wohl einlassen.
Es fing ja bereits 1970 an, mit dem Album Self Portrait. Die Fans der ersten Stunde wollten Dylan die Abkehr ins vordergründig Private ebenso wenig verzeihen wie ein paar Jahre zuvor die Benützung einer Elektrogitarre. Bob Dylan hat im Lauf seines Künstlerlebens manche Wandlung durchgemacht. Man muss nicht jede seine Inkarnationen gleichermaßen sympathisch finden, aber eins muss man, auch nach dem aktuellen Konzert, eingestehen: Dieser Mann ist als Bluesinterpret ebenso imposant wie als Rock'n'Roller und Balladensänger. Er kann alles. Und bleibt doch stets Bob Dylan.