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Freitag, 25. Mai 2012 | 12:36

Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble mit »Officium Novum« unterwegs

13.12.2011

Vier Stimmen und ein Saxophon

Kaum eine andere Schallplattenaufnahme jenseits der Popmusik hat sich so sehr in das Gedächtnis einer ganzen Generation eingegraben wie das Köln Concert von Keith Jarrett. Achtzehn Jahre danach, 1993 hat ECM eine Aufnahme veröffentlicht, die ähnlich sensationell wirkte wie Jarretts Improvisation am Klavier. Der norwegische Saxophonist Jan Garbarek, der damals schon eine beträchtliche Fangemeinde hatte und übrigens am Anfang seiner internationalen Karriere sicher von der Nähe zu Keith Jarrett profitiert hat, spielte mit einem Vokalensemble, das vom Jazz meilenweit entfernt ist, vor allem aber mit alter Musik zu den Spitzengruppierungen zählte und zählt. Die Rede ist vom englischen Hilliard Ensemble. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

In einer Rundfunksendung nannte der Stuttgarter Chorleiter Frieder Bernius eine Aufnahme mit diesem Hilliard Ensemble und Jan Garbarek, die er ins Studio mitgebracht hatte, »geschmäcklerisch« und »Kitsch«. Der mittelalterliche Komponist Dufay werde da »benützt«, kritisierte er, nicht ohne die Befürchtung zu äußern, er könnte sich bei der Million Käufer dieser CD unbeliebt machen.

 

Nun ist die Käuferzahl kein Qualitätsargument, und über den Standpunkt von Bernius ließe sich streiten. Es handelt sich freilich nur um die Wiederauflage der Diskussion über Werktreue, wie sie bezüglich der Musik wie des Theaters immer wieder aufflammt. Denn grundsätzlich unterscheidet sich die Hinzufügung einer Saxophonstimme zu den originalen Vokalpartien nicht von einer Uminstrumentierung, wie sie etwa Bach mit Werken Vivaldis vornahm oder Ravel mit Klavierstücken Mussorgskis oder Schönberg und Webern es wiederum mit Kompositionen Bachs taten. Noch die Originalklangbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfaltete ihren Neuigkeitsreiz ja vor dem Hintergrund der Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts, die unser Hören konditioniert hat. Anders ausgedrückt: ein Naturhorn ist der alten Musik für uns heute nicht weniger »fremd« als ein Saxophon. Das Hilliard Ensemble und Jan Garbarek gehen jedenfalls besser zusammen als Shakespeare mit Hip Hop.

 

Inzwischen ist die Kritik verstummt und Garbarek hat, unter dem Titel Officium Novum, bereits zum dritten Mal ein Programm mit dem Hilliard Ensemble aufgenommen. Es enthält zu einem großen Teil Material aus Armenien und Russland. Es handelt sich um Kirchenmusik mit folkloristischen Einflüssen. Einige Titel sind Bearbeitungen des armenischen Nationalkomponisten Komitas Vardapet, der von 1869 bis 1835 lebte. Liturgische Kompositionen von Nikolaj Kedrov und Arvo Pärt fügen sich bruchlos in den Rahmen. Und wieder kann man diese Musik auch in Konzerten hören. Die Tournee, die gerade stattfindet, führte unter anderem nach Stuttgart, wo das Theaterhaus als Veranstalter den Auftritt in die Markuskirche ausgelagert hat.

 

Es beginnt mit einem Solo Jan Garbareks. Es folgt ein Introitus der Sänger, die einen Akkord mit der Technik des Obertongesangs zum Schwingen bringen. Das Saxophon reagiert mit kurzen Phrasen auf die Sänger. Das Instrument begleitet den a cappella-Gesang nicht, sondern verziert ihn als zusätzliche Stimme. Garbarek lässt den Jazz in seiner Phrasierung zu seinem Recht kommen, es schleicht sich, wenn auch selten, eine Blue Note ein, aber der Saxophonist bevorzugt das im Jazz eher atypische Legato. Ein tänzerisches folkloristisches Motiv stellt der eher todessüchtigen geistlichen Musik eine lebenszugewandte weltliche Alternative entgegen.

Die Jugendstil-Kirche im Stuttgarter Süden ist auf Grund ihrer hervorragenden Akustik für Konzerte bestens geeignet. Garbarek und die Hilliards nützen den Raumklang, indem sie ihre Standposition verändern. Das kann die beste HiFi-Anlage daheim nicht ersetzen. Sie gleicht einer akustischen Guckkastenbühne. Nicht ohne Grund blieb die Quadrophonie ein kurzlebiges Experiment, und Dolby Surround heißt nur so.

 



 

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