Manche Kritiker und auch Kolleginnen der italienischen Sängerin sagen, sie hätte keine „große Stimme“. Mag sein. Aber darauf kommt es überhaupt nicht an. Ein Konzert mit der Bartoli, die sich in den Medien rar macht und auf Schlagzeilen gerne verzichtet, die auch als Entdeckerin und Interpretin vergessener Kompositionen reüssiert hat, liefert stets eine Lektion, dass es beim Gesang nicht auf Lautstärke ankommt, sondern auf die Gestaltung des Tons und der Melodie, auf Ausdruck und Nuancen. Die Philosophie des ECM-Labels, dass seine Musik der schönste Klang nach Stille sei, könnte auch für Cecilia Bartoli gelten.
Dass es nur wenig Mezzosoprane gibt, die sich im Koloraturgesang mit der Bartoli messen können, ist offenkundig. Aber wäre es nur dies, könnte man die Sängerin auch als Zirkuskünstlerin betrachten. Was Cecilia Bartoli so außergewöhnlich erscheinen lässt, ist die vollendete Symbiose von Technik und „Seele“, was immer man darunter verstehen mag. Im Programmheft des Festspielhauses Baden-Baden erklärt uns die Anzeige eines Bekleidungshauses, Stil sei „der äußere Ausdruck einer inneren Harmonie der Seele“. Nun ja. Dass auch die Harmonie der Seele, die man sich gemeinhin „innen“ vorstellt, inner sein muss, ist wohl ein bisschen viel Innerei. Im Zweifel aber ließe sich die Seele in Bartolis Gesang finden.
Man kann es auch „gebändigte Leidenschaft“ nennen oder subtile Expressivität. Wie Cecilia Bartoli einen Ton anschwellen lässt, ihre Messa di Voce ist mehr als eine Angelegenheit der Dynamik. Ihre Stimme ist atemberaubend schön. In den Höhen ist sie ebenso präzise, beherrscht sie das Timbre ebenso genau wie in den Tiefen. Gepresste Töne gibt es da nicht, und der Sängerin merkt man keine Anstrengung an. Die ungeheure Anspannung übersiedelt ganz zum Zuhörer. Die komplette Gefühlsbreite von Zorn, Trauer und Liebesverzückung liegt in diesem Gesang, wird von der Bartoli in Musik verwandelt. Und in den Rezitativen hört, sieht man sogar, wie die Bartoli mit den Göttern und mit irdischen Widersachern hadert.