Der Orkus, literarisch und musikalisch
Vor allem dieser räumliche Charakter der Hölle ist wichtig für Simon Wills einsätziges Symphoniekonzert Malebolge. Er hat es im Auftrag der Münchner Philharmoniker nach Dantes Vorlage komponiert und die Münchner haben es am 13.12. uraufgeführt. Einem engeren Verständnis der Symphonie durch den literarischen Bezug lehnt der Komponist aber ab. In einem Essay zum Stück, der auf der Homepage des Dirigenten der Philharmoniker Thomas Hengelbrock nachzulesen ist, bestreitet Wills, Musik komponiert zu haben, die sich in irgendeiner Weise narrativ auf die Göttliche Komödie beziehe. Vielmehr seien die Tage der narrativen Musik gezählt und sein Werk ein intellektuelles Konstrukt, das nur in loser Assoziation zu der Vorlage stehe.
Solche Aussagen erschweren den semantischen Zugang über die Göttliche Komödie zum Stück, den gleichwohl nicht nur seine Entstehungsgeschichte provoziert, sondern dem sich auch Wills in seinem Essay nicht entziehen kann, wenn er schreibt, man könne bei der langsamen Bewegung, die das Stück durch das Scherzo erfahre, an wallende Nachen denken, oder an anderer Stelle den kochenden Teer hören. Er jedenfalls habe diese Gedanken bei der Komposition im Sinn gehabt.
Hier offenbart sich ein Dilemma, das dem Schreiben über Musik oder dem Vertonen von Literatur grundsätzlich eigen zu sein scheint und von der Verschiedenartigkeit der Medien herrührt. Die Sprache bindet ihre Zeichen fester an das Bezeichnete, an dem die Musik nur lose hängt. Ton, Klang und Rhythmus, so eine verbreitete Vorstellung, wirken vor allem auf das Gefühl; ein begriffliches Verständnis ist dem nachgeordnet, wenn überhaupt. Bei der Sprache sei das hingegen andersherum. Ton, Klang und Rhythmus erscheinen hier als nur ein Aspekt der Sprache, der von begrifflichen Bestimmungen stets überlagert oder dominiert wird – zumindest dann, wenn man sie mit der Musik vergleicht. Die Sprache bestimmt, wo die Musik reizt und die sprachliche Vieldeutigkeit steht weit hinter der musikalischen zurück.
Das macht eine Transposition von der einen in die andere Gattung, wie sie Wills gelungen ist, so schwierig und das zeichnet sein Werk aus. Dieser Umstand verurteilt aber vor allem Versuche der Rückübersetzung, die den semantischen Gehalt der Musik begrifflich fassen wollen, zum Scheitern. Sie erinnern an den Schildbürgerstreich, die Sonne in Säcken einzufangen.
Allerdings besteht dieses Probleme der Übertragung auch von der Literatur auf die Musik, wie Wills Absage an eine narrative Musik zeigt. Es ist wohl tatsächlich schwierig, den »Kot der Prostitution«, in dem Dantes Sünder waten, eindeutig zu vertonen. Auch die »Hatz der Kuppler und Verführer« mag nur hören, wem dies gesagt worden ist. Musikalische Zeichen geben diese Eindeutigkeit nicht her.