Vom Freiheitspathos gestochen
Allerdings nicht mit dem Erfolg des Dirigenten bei Sennett, der sein individuelles Erleben dem Publikum wie dem Orchester tyrannisch aufzwingt. Vielmehr war ein Bruch zwischen dem Orchesterpodium und den Sitzreihen deutlich zu spüren, der vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass der expressive Enthusiasmus, den Valcuha dem Stück verleihen wollte, im Publikum auf keine Resonanz stoßen konnte.
Das hatte vielleicht zuletzt mit dem berühmten Text zutun, dessen Verständnis zudem an den nicht immer optimalen akustischen Bedingungen im Gasteig scheiterte – nämlich daran, dass man die Solisten fast ganz nach hinten gestellt hatte, hinter die akustisch dominanten Bläser und vor den zumindest sie akustisch dominierenden Chor. Und das mag vielleicht auch erst in zweiter Linie an einer gewissen Nüchternheit liegen, mit der heutige Konzertbesucher dem Freiheitspathos der Romantik begegnen. Vielmehr mag Valcuha diese Nüchternheit, so schien es zumindest, im Voraus angenommen haben und wie zum Trotz – in einem entschiedenen »Dennoch« – Begeisterung performativ herstellen gewollt haben, wohlwissend, dass dieses Unterfangen letztlich vergeblich sein wird. Zwischen dem Orchester und seinem Dirigenten und dem Publikum wiederholte sich so ein Verhältnis, das Beethovens Stück in weiten Teilen bestimmt: das Drängen eines begeisterten Ichs und sein Scheitern am Unbegeisterten Nicht-Ich.
Tosenden Applaus haben die Philharmoniker und ihr Dirigent freilich trotzdem geerntet. Gerade diese Trennung aufgezeigt zu haben, war das Verdienst ihrer Aufführung. Der Chor sang energisch:
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahntest du den Schöpfer, Welt?
Such‘ ihn über’m Sternzelt!
Brüder über’m Sternezelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Doch in den Sitzreihen glaubt man nicht, dass das stimmt. Kein lieber Vater über’m Sternzelt. Vom Orchester aber weht die Erinnerung an ihn herüber. Mich fasst ein längst entwöhnter Schauer – hätte ein anderer Weimarer Dichter gesagt.
Und damit hätte er sich beeilen müssen. Denn kaum war der letzte Ton verklungen und das erste Klatschen geklatscht, sprangen zahlreiche Besucher – meist alte, sonst lahme! – wie vom Freiheitspathos gestochen auf. Sie folgten damit der Aufforderung des Chors, der alla marcia singt: Laufet Brüder, eure Bahn, / freudig wie ein Held zu siegen. Schließlich ist das ein Marsch, und wer will schon behaupten, dass er zwangsläufig auf einen Platz im Elysium zielt (oder in ein Heiligtum, das eine himmlische Tochter ihnen öffnete, denken wir an die drei Blondinen) und nicht viel naheliegender auf den ersten Platz in der Garderobenschlange. Zum Glück ist so keiner zum Sylvesterbüffet zu spät gekommen und verhungerte Massen wie seinerzeit in Leipzig blieben München erspart.

