Ausufernde Altlasten
Sorgenfalten höchstens bei den drei Musikern: Knarf Rellöm, Manuel Schwiers (School of Zuversicht) und Frank Spilker (Die Sterne) – oder ihren Zuhörern. Die Geräusch-, Rhythmus-, Toncollagen der Hamburger Punkrocker verharren in eine merkwürdig lähmender Mischung aus dürftiger Provokation gewolltem Understatement und dann wieder längst überholtem »Sponti«-Getue zu Mühsams Gedichten. E-Gitarre und Bass werden in »vollendeter« minimalistischer Kunst bedient. Die Klangergebnisse also eher zufällig, der Textvortrag betont langweilig. Das lässt sich natürlich irgendwie schon als Punk definieren. Die Musik der drei Hamburger Musiker trotzdem nur Versuch – oder vielleicht Abklatsch? – einer extremen Klanglichkeit wie bei den Einstürzenden Neubauten. Auch das Charisma Rio Reisers ganz weit weg.
»Der Bürger speit und hat auch recht./ Er hat Geschmeide gold und echt. –/ Wir haben Schnaps im Bauch./ Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,/ und wer bezecht ist, der erfrecht/ zu Dingen sich, die jener schlecht/ und niedrig findet auch.« – Mühsams Lumpenlied bitterböse Kritik, sozialgeschichtliches Dokument, oppositionelle Querdenkerei. In der Interpretation am Abend unterkühlt, verlegen, ein bisschen »pseudomäßig«. Wenn eine einsame Stimme aus dem Publikum der Frage der Musiker zum Zugabe-Song »Habt ihr Bock auf Krieg?« ein »Nein« entgegenruft, ist das doch im Sinne Mühsams. Wenn der Musiker dann intellektuell ablehnend meint: »Auf diese pazifistische Antwort kann ich nicht reagieren.«, wirkt das – nicht nur in Zeiten von Afghanistan, Sudan, Lybien – nicht nur verstörend, sondern nur daneben. Da kann auch Harry Rowohlt, der in einer Nummer zur Begleitung der drei singt, nur kurzfristig drüber hinwegtäuschen. Mühsam - großartig gelesen, mühsam besungen.
