Overkill haben seit 1985 kontinuierlich neue Platten veröffentlich und waren ständig unterwegs. Anfänglich noch als Supportact für Bands, die heute ungleich erfolgreicher sind als die Sympathiebolzen und Leader Of The Wrecking Crew Bobby »Blitz« Ellsworth und D.D.Verni, tourt man seit Jahren durch die kleinen Clubs und bekommt ab und an einen Nachmittagsplatz in den Running Orders mittlerer Festivals. Völlig unverständlich, sind Overkill doch eine der zuverlässigsten und besten Livebands, die es im gesamten Metalsektor gibt. Zudem ist ihnen mit Ironbound seit längerem wieder eine sehr gute Scheibe gelungen. Mit im Tourbus sind die wieder belebten Bay Area Thrasher Heathen und die deutschen Thrash Urgesteine von Destruction.Und wäre dem nicht genug, findet das Konzert am Karnevalsfreitag in Köln statt. Beste Voraussetzungen also für einen Spaß allererster Güte.
Als Opener können Heathen allerdings wenig überzeugen. Mit einer Spielzeit von nur vier Songs auch schwer, so richtig in Stimmung zu kommen. Irgendwie ist das ganze zu viel Gitarrengefiedel und zu technisch. Das Publikum hält sich eher vornehm zurück. Warum man auf den Knaller Death By Hanging verzichtet, bleibt das Geheimnis von Lee Altus und Co.
Destruction legen los wie die Feuerwehr. Schließlich ist man doch genauso lange im Geschäft wie der Headliner und insgeheim sähen sich Schmier und Gesellen gerne selber als Kopf dieser Veranstaltung hier. Dazu müssten sie aber mehr als nur die 1,5 Songs auf dem Kasten haben, die zwar perfekt gezockt werden, aber auf Dauer ein wenig eintönig sind. Dank Vaaver – dem neuen Mann an der Schießbude – wird das Gaspedal permanent gen Bodenplatte gedrückt. Den Fans gefällt es und sie feiern Destruction, die seit 20 Jahren nicht mehr in Köln gespielt haben. Schmier hat dazu das passende Kompliment im Repertoire. Hier in Köln müsse es ja geil werden, weil man in der Nähe vom Ruhrpott ist und der Metal dort eh zu Hause sei. Warum, wieso, weshalb – ist alles egal. Die Halle ist perfekt angeheizt und vorbereitet für ein 90minütiges Thrashbrett vom Allerfeinsten.
»Power/building up/Power/It's coming back/Power/ Feel it/Power/Powersurge!« Nach kurzem Intro steigen Overkill mit The Green And Black, dem Opener des aktuellen Albums Ironbound, ein und sofort ist der Energielevel im roten Bereich. Und wird sich von nun bis zum abschließenden Fuck You keinen Millimeter nach unten bewegen. Auf der Setlist stehen fünf Songs von Ironbound, garniert und umschmückt mit Hymnen der vergangenen 25 Jahre. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den 80er und 90er Jahren. War das doch die kreative Hochphase der Band. Die heute beileibe kein blasser Nachlassverwalter einer glorreichen Vergangenheit ist. Im Gegenteil. Voller Elan und Spielfreude kämpfen Overkill in vorderster Front um die Gunst ihrer Fans. Diese fressen ihnen aus der Hand, was wiederum die Band antreibt, noch mehr Gas zu geben. Blitz, mit einem Alter von 50+, ist genauso drahtig, charismatisch und diabolisch wie in den Anfangsjahren. Nach überstandenem Krebsleiden und auskuriertem Schlaganfall ist diese Energieleistung besonders beeindruckend. Aber da kommt eben der alte Punker durch. Jammern hilft nichts – »Fuck You!«
Auf Bühnenaufbauten oder große Lichteffekte wird weitgehend verzichtet. Hinten thront das Schlagzeug und Ron Lipnickis Doppelflak treibt das Geschehen immer weiter. D.D. dröhnt seinen Bass direkt in den Magen und das Klampfenduo Linsk/Tailer sägt messerscharfe Riffs und Soli. Aller Regler auf Anschlag. Überflüssiges musikalisches Beiwerk? »Fuck You!« Rotten To The Core und Wrecking Crew an zweiter und dritter Stelle machen klar, dass hier nur einer gewinnen kann. Nämlich der, der heute weder beim »Scheiß Fußball« noch beim »Scheiß Karneval« (O-Ton Schmier) ist. Herrlich, wunderbar, großartig. Moshpit, Slamdance und Crowdsurfer, alles auf einem mit Bier gefluteten Fliesenboden. So muss Heavy Metal sein und genau so war es! Vielleicht wäre der Abend noch perfekter gewesen, wären I Hate, Powersurge und In Union We Stand auch noch zur Aufführung gekommen. Aber das ist jetzt Jammern auf ganz hohem Niveau. Fuck You, der alte Stiffsklassiker, beschließt wie immer den Abend und Blitz blickt zufrieden grinsend in das Meer aus gereckten Mittelfingern. Gänsehaut pur – »Fuck You!«
