Wie in der fünf Jahre später uraufgeführten Maria Stuarda, stehen sich da zwei Frauen gegenüber, die nicht nur von der Fabel her, sondern auch stimmlich wetteifern und sich zum Duett vereinen können. Die Frauen heißen, beim Italiener Donizetti, Giovanna Seymour und eben Anna Bolena, und ihre schönen Verkörperungen auf der Bühne der Wiener Staatsoper heißen im bürgerlichen Leben Elina Garanca und Anna Netrebko. Die Mezzosopranistin aus Riga und die fünf Jahre ältere Sopranistin aus St. Petersburg sind über ihr Metier hinaus bekannt wie ansonsten allenfalls Fußballer oder Skispringer. Gewiss spielt die Fotogenität dabei eine wichtige Rolle, aber dass die beiden Damen aus dem Osten tatsächlich singen können, ist mit Sicherheit kein Nachteil.
Es wäre nun müßig, danach zu fragen, wer in der aktuellen Inszenierung – der ersten im Haus an der Wiener Ringstraße, von jener Oper immerhin, mit der Donizetti einst zum bedeutendsten Opernkomponisten seiner Zeit avancierte – besser singe, die Netrebko oder die Garanca. Es wäre borniert, wollte man nach dieser Aufführung behaupten, ihr Ruhm sei nur auf Sand gebaut. Ergänzen kann man allenfalls, dass Elisabeth Kulman in der kleinen Hosenrolle des Pagen und Hofmusikers Smeton, eines Verwandten von Mozarts Cherubino und des Rosenkavaliers Octavian, den beiden Stars in nichts nachsteht. Aus ihrer Arie auf das Porträt Annas macht sie einen musikalischen Höhepunkt. Alle drei Damen erinnern schmerzlich daran, wie häufig Sängerinnen in den Höhen unsauber intonieren. Hier passt jeder Ansatz, jeder Bogen. Und niemals schwächeln die Stimmen. Auch bei differenzierten Klangfarben, auch bei intensivster Innigkeit, verlieren sie nicht ihre Fülle.
Das lässt sich leider von Ildebrando D‘Arcangelo, der Heinrich VIII., italienisch etwas ungewohnt: Enrico VIII. singt, nicht mit der gleichen Unbedingtheit sagen. Der Bass besticht eher durch Lautstärke. Aber die Dynamik geht gelegentlich auf Kosten der Intonation. Dieser Heinrich ist in seiner Erscheinung eher sexy als mächtig. Er hat keine Ähnlichkeit mit Holbeins bekannten Gemälden oder mit Emil Jannings in Ernst Lubitschs Anna Boleyn oder mit Charles Laughton in Alexander Kordas The Private Life of Henry VIII. Das ist nicht der verfressene Lüstling, aber er ist auch kein bisschen komisch. Dieser Heinrich ist mehr Pirat als König. Auch seine Stimme zeugt eher von Kraft als von Macht.