Vergleicht man das Programm ihrer Abonnement-Konzerte etwa mit der eben veröffentlichten Ankündigung des Württembergischen Staatsorchesters Stuttgart für die kommende Saison, könnte man meinen, es gebe keinen gemeinsamen Nenner zwischen den Auffassungen von aktueller Musikkultur in Österreich und Deutschland. Hier wie dort ist man ja gezwungen, auf die pessimistischen Prognosen bezüglich eines Publikums für »klassische« Musik zu reagieren. Ob freilich die Flucht ins Museum auf Dauer der Ausweg ist, bleibt fraglich.
Der Konservatismus der Philharmoniker besagt etwas über dieses ohne Zweifel hervorragende Orchester, aber auch über die »Musikstadt« Wien, eine Stadt der Toten im Moderzustand. Es drängt sich die wahre Anekdote von Friedrich Cerha, einem der wichtigsten lebenden österreichischen Komponisten auf. Zu dem sagte ein österreichischer Ministerialbeamter einmal: »Aber Cerha, Sie sind ja begabt, – warum geh'n S' denn nicht ins Ausland?« Auch das ist schon ein paar Jahre her, aber es könnte heute jederzeit wiederholt werden. Die weniger Begabten bleiben. Zum Beispiel in den Ministerien.
Die renommiertesten Dirigenten stehen am Pult der Wiener Philharmoniker, aber über die Zweite Wiener Schule kommen sie (hier) kaum je hinaus, und auch das erst seit wenigen Jahren. So ist man denn dankbar, wenn die Wiener Philharmoniker ihrem Stammpublikum wenigstens selten gespielte Komponisten und Kompositionen zumuten. Dass selbst das ein Wagnis ist, bestätigt die Bemerkung einer Frau beim Verlassen des Konzerts: »Das ist ja keine Musik.«
Was nach Ansicht der Dame keine Musik war, ist eine Symphonie von Josef Suk. Der tschechische Komponist lebte von 1874 bis 1935, ist also ein Zeitgenosse von Richard Strauss, Jean Sibelius und Béla Bartók. Seine c-Moll-Symphonie, der er den Namen des Todesengels Asrael gab, wurde vor mehr als 100 Jahren, 1907 uraufgeführt. Sie ist also so »modern« wie auf dem Theater Ein Traumspiel von August Strindberg oder in der Literatur Unterm Rad von Hermann Hesse. Aber Suk ist außerhalb Tschechiens immer noch fast unbekannt. Dabei ist gerade Asrael ein süffiges, effektvolles Werk, in dem sich impressionistische Akkorde mit spätromantischer Dramatik mischen. Suk hatte seine zweite und letzte Symphonie unter dem Eindruck des Todes seines Schwiegervaters Antonín Dvorák begonnen und weiter daran gearbeitet, als auch seine Frau, noch ganz jung, starb. Die religiöse Thematik, die der Titel abruft und die dem ursprünglichen Plan, ein Requiem zu schreiben, entspricht, hielt den Komponisten nicht von einer gewissen Heiterkeit und einer sehr irdischen Sinnlichkeit ab. Dazu tragen auch Zitate aus dem Werk Dvoráks bei, der seinerseits gerne aus der Volksmusik schöpfte.