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Freitag, 25. Mai 2012 | 12:42

Terminal Sound System & Lento live in der Jägerklause, Berlin

28.04.2011

Zunehmend paralelluniversal

Glück hat man bereits dann, wenn man über zwei exzellente Alben stolpert, die einem von der ersten Sekunde das Gefühl bereiten, einen noch lange zu begleiten. Mehr Glück hat man, wenn man es schafft, beide Bands eben diese Alben live performen zu sehen. Am meisten Glück hatte allerdings KRISTOFFER CORNILS, denn er hat Lento und Terminal Sound System tatsächlich noch am selben Abend erleben dürfen.

 

Die kleine Jägerklause in Berlin-Friedrichshain bringt angenehm testosterongeschwängerten Rock’n’Roll-Flair und das deutscheichene Stammtischflavour zusammen. Würde man aus der Tür stolpern, man würde sich glatt darüber wundern, mit seiner Harley nicht an einer abgelegenen Landstraßenkneipe im Münsterland gestrandet zu sein. Zwischen Hirschgeweihen und etwas schief hängenden Landschaftsmalereien starren die alten Großen von den Wändern: Ob Lemmy von Motörhead oder Black Sabbath, sie alle begutachten die ironische Retrospießigkeit, in die sich der Club so exzellent kleidet. Darin ist es heute ziemlich finster. Das liegt nicht unbedingt an den Lichtverhältnissen, vielmehr absorbiert das fast einheitlich in schwarze Levi’s mit Kapuzenpulli gekleidete Publikum jeden einzelnen Strahl. Die Einstimmungsmusik tut ihr Übriges zu der Atmosphäre: Eine Aufnahme von Bohren & der Club of Gore tariert schon mal das Soundsystem auf die höchstmögliche Bassleistung aus. Man muss sein Bierglas schon heftig umklammern, damit es unter den dröhnenden Frequenzen nicht zu vibrieren anfängt.

 

Eine Lichtquelle immerhin steht frei und unangetastet im Raum: Ein Beamer stimmt auf den ersten Act des Abends ein, die etwas sphärische Projektion zeigt ein Wolkenfeld, auf dem der Name der ersten Band prangt: Terminal Sound System, deren Kopf Skye Klein heute Abend von einem Bassisten und Gitarristen unterstützt wird, sind aus Australien gekommen und haben ihr Sage und Schreibe neuntes Album im Schlepptau und spielen fast ausschließlich daraus. Die Bassleistung des Systems sorgt dabei zwar für den notwendigen Druck, den Heavy Weather auch auf Platte ausstrahlt, verschluckt aber leider auch einen Großteil der Frequenzen, zerfleddet etwas die Vielschichtigkeit der Band. Die jedoch hält sich großartig und wird belohnt – wenn zwischen den 5- bis 7-minütigen Songs überhaupt eine Pause gemacht wird, werden TSS mit frenetischem Applaus begrüßt. Es sind nicht unbedingt sehr viele Menschen im Publikum, aber jeder weiß, wieso er heute Abend hier ist. Die australische Band jedenfalls zieht ihre Zuschauer zunehmend in ein Paralleluniversum herein, einen fast surrealistischen audio-visuellen Trip schaffen die elektronischen Beats, die mit shoegazigen Soundflächen und vereinzelt hart nach vorne gehenden Gitarrenwänden überlagert werden.

 

Bizarre Zwischsphäre

Nach einer Viertelstunde Pause dann – es war, natürlich, viel zu kurz – kommen Lento auf die Bühne. Die ist nur noch schemenhaft zu erkennen, die Nebelmaschine ist ordentlich am Arbeiten. Nur einige Lämpchen sorgen für schummriges Licht, ansonsten ist der gesamte Raum mittlerweile in Obskurität gehüllt. Die setzt sich wieder im Sound durch, jede einzelne Bassfrequenz rüttelt am Skelett, feine Nuancen sind kaum mehr auszumachen. Was bei TSS an so mancher Stelle noch von Nachteil war, ist bei dem Sludg-Doom-Post-Metal-Crossover, den Lento spielen, ideale Grundlage. Ungefähr eine Dreiviertelstunde moshen sich die vier Italiener durch ihr neues Album Icon und ein paar ältere Songs, packen den Soundmatsch und schleudern ihn frontal auf die Vorderlappen der Menge, die unter dem Druck nur noch hypnotisiert auf der Stelle torkeln kann, sich nur noch auf das solide Drumming verlassen kann, um etwas Struktur zu erleben.

 

Also Lento um Mitternacht ihren letzten Song hinter sich gebracht haben, leert sich der Saal unter den wachsamen Augen von Lemmy Kilmister und seinen Kollegen. Hing das goldgerahmte Bild einer einsamen Landstraße vorher schon so dermaßen schief? Man weiß es nicht so genau und wundert sich doch etwas, als man die Jägerklause, diesem Retrouniversum, verlässt und sich plötzlich mit der Friedrichshainer Hochhauslandschaft konfrontiert sieht, nur noch der leichte Tinnitus beweist, dass man in den vorigen vier Stunden irgendwo ganz, ganz anders war, in einer bizarren Zwischensphäre voller großartiger, großartiger Musik.


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