Bizarre Zwischsphäre
Nach einer Viertelstunde Pause dann – es war, natürlich, viel zu kurz – kommen Lento auf die Bühne. Die ist nur noch schemenhaft zu erkennen, die Nebelmaschine ist ordentlich am Arbeiten. Nur einige Lämpchen sorgen für schummriges Licht, ansonsten ist der gesamte Raum mittlerweile in Obskurität gehüllt. Die setzt sich wieder im Sound durch, jede einzelne Bassfrequenz rüttelt am Skelett, feine Nuancen sind kaum mehr auszumachen. Was bei TSS an so mancher Stelle noch von Nachteil war, ist bei dem Sludg-Doom-Post-Metal-Crossover, den Lento spielen, ideale Grundlage. Ungefähr eine Dreiviertelstunde moshen sich die vier Italiener durch ihr neues Album Icon und ein paar ältere Songs, packen den Soundmatsch und schleudern ihn frontal auf die Vorderlappen der Menge, die unter dem Druck nur noch hypnotisiert auf der Stelle torkeln kann, sich nur noch auf das solide Drumming verlassen kann, um etwas Struktur zu erleben.
Also Lento um Mitternacht ihren letzten Song hinter sich gebracht haben, leert sich der Saal unter den wachsamen Augen von Lemmy Kilmister und seinen Kollegen. Hing das goldgerahmte Bild einer einsamen Landstraße vorher schon so dermaßen schief? Man weiß es nicht so genau und wundert sich doch etwas, als man die Jägerklause, diesem Retrouniversum, verlässt und sich plötzlich mit der Friedrichshainer Hochhauslandschaft konfrontiert sieht, nur noch der leichte Tinnitus beweist, dass man in den vorigen vier Stunden irgendwo ganz, ganz anders war, in einer bizarren Zwischensphäre voller großartiger, großartiger Musik.

