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Freitag, 25. Mai 2012 | 12:42

Die Ludwigsburger Schlossfestspiele sind eröffnet

23.05.2011

Dem Risotto entstiegen

Applaus dient dem Ausdruck von Anerkennung, von Begeisterung gar, aber auch der psychologischen Entlastung nach zwanzig Minuten oder gar einer Stunde des erzwungenen Schweigens und der oktroyierten Bewegungslosigkeit, des Verzichts auf Selbstdarstellung zugunsten des respektvollen, mehr oder weniger konzentrierten, jedoch passiven Zuhörens. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Aber geben wir es zu: Sehr oft ist der hysterische Lärm klatschender Hände, zumal nach einem leise aus- und lange nachklingenden Musikstück, nur eine Qual, vergleichbar einem stinkenden Furz nach einem köstlichen Dessert. (Der Vergleich, wir kommen darauf zurück, wurde dem Berichterstatter von der Veranstaltung, von der hier die Rede sein wird, aufgedrängt.)

 

Manche Kompositionen allerdings drängen dem Publikum den Applaus geradezu auf. Das fünfzehnminütige Crescendo von Ravels Boléro mündet zwangsläufig in eine Beifallsorgie, die den in einem Film suggerierten, mit dieser Komposition untermalten Orgasmus ersetzt. So gesehen zeugt es von dramaturgischem Verstand, wenn man den Boléro an das Ende eines dreistündigen Konzerts setzt. Der Applaus ist vorprogrammiert.

 

Wenn die Salzburger Festspiele ihre Pforten öffnen, gehen die Ludwigsburger Schlossfestspiele gerade zuende. Mit einem unorthodoxen Konzert ihres Orchesters unter der Leitung von Christian Muthspiel haben sie die Saison eröffnet. Nachdem man im vergangenen Jahr, dem ersten der neuen Intendanz Thomas Wördehoff, ein Eröffnungkonzert nicht nur mit Mahler und Bartók, sondern sogar mit einer Uraufführung eines zeitgenössischen Werks gewagt hatte und dafür von berufener und weniger berufener Seite gescholten worden war, ging man heuer auf Nummer sicher. Mit Strawinskys Feuervogel-Suite und den selten gespielten Saudades do Brazil von Darius Milhaud, dem Angehörigen der französischen Groupe des Six und Lehrer des Jazzpianisten Dave Brubeck, standen schon vor dem Boléro dramatisch aufgeladene und effektbewusste Werke auf dem Programm.

 

Als Effekt darf es auch gewertet werden, dass die Eröffnungsrede nicht von einem der üblichen Verdächtigen aus Politik oder Kultur, sondern von Vincent Klink gehalten wurde, der, nach eigenen Worten, eine Stunde zuvor dem Risotto entstiegen war. Klink machte deutlich, dass sich die Terminologie der Küche vorzüglich für das Reden über Kunst eignet. Das Allroundtalent, das auch als Jazzer bekannt ist, versuchte den Traditionalismus mit Aufgeschlossenheit für das Neue zu vermitteln. Klink rät zum Risiko – beim Kochen wie in der Kunst. Er ahnte wohl, dass da im Saal nicht wenige saßen, die man zu beidem erst überreden muss. Zur Überraschung dieser Klientel, die er mehrfach als schwäbisch kennzeichnete, bekundete der Küchenchef seine Abneigung gegen Dekolletés und Millionäre. Wir dürfen uns also wohl auf das 12,50-Euro-Menü in der Wielandshöhe freuen. Mit seinem Outing trat Klink in die Spuren des Großmeisters Alfred Hitchcock, der regelmäßig seinen Spott über die Sponsoren seiner eigenen langjährigen Fernsehserie ergoss.

 

Foto: Erich Reismann Foto: Erich Reismann

Das Rückenmark denkt mit

Doch dann, nach einer kurzen musikalischen Einleitung von Edward Elgar, genug der Worte, zurück zur Musik. Den Feuervogel dirigierte Christian Muthspiel im ersten Teil ungewöhnlich langsam, abgeflacht und ohne Akzente. Erst im Mittelteil setzte er auf die Kontraste, an denen Strawinskys Ballettmusik reich ist. Schließlich soll sie zum Tanzen verführen. Doch die von Klink als Negativfolie herbeizitierten Salzburger Festspiele lauern überall. Das Finale des Feuervogels diente den Salzburgern ein Jahr lang als Tonspur für ihren Spot. Der Grund ist offensichtlich: Es besteht, wie der Boléro, aus einem ausgedehnten Crescendo. Auch das wusste Hitchcock: Das Rückenmark denkt mit.

 

Bei den Saudades do Brazil ließ sich Muthspiel auf ein Experiment ein. Er führte nicht alle Teile dieser Komposition auf. Dafür unterbrach er sie mit »Reflexionen« des dem Jazz verpflichteten Quartetts um den brasilianischen Komponisten und Gitarristen Alegre Corrêa, um am Ende mit einer Posaune als Solist dazu zu stoßen. Nun wird Thomas Wördehoff nicht müde, zu versichern, dass er von »Crossover« nichts halte, ja es geradezu verabscheue. Wenn er damit seichte Jazz- oder Popversionen klassischer Musik meinte, kann man seinen Ekel nachempfinden. Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass da ein bloß terminologisches Spiel zu einer ontologischen Frage aufgeblasen wird. Grundsätzlich unterscheidet sich, was beim Eröffnungskonzert getrieben wurde, nicht von der Kooperation etwa der Siegel-Schwall-Band oder von Deep Purple mit Symphonieorchestern oder auch von diversen Konzerten für Jazzband und Orchester – und das nannte man nun mal, mehr oder weniger glücklich, Crossover.

 

In Ludwigsburg freilich spielten die Formationen nicht mit, sondern, im Wechsel, nebeneinander. Dies drohte das Orchester – in dem übrigens die Blechbläser durch bewundernswerte Präzision auffielen – auszuhebeln. Sein akademischer Ansatz kommt gegen die Vitalität des Quartetts nicht an, und die Reaktion des Publikums (wie übrigens vieler fröhlich lächelnder und mit den Zehenspitzen wippender Orchestermusiker) bestätigte diese Gefahr. Am Schluss stellte Muthspiel mit der Posaune sein Orchester buchstäblich und im übertragenen Sinne in den Schatten.

 

Das konnte sich danach noch mit dem Boléro profilieren. An der Interpretation gab es hier nichts zu bemängeln. Und doch sah man vor seinen Augen das Ensemble des nahen Stuttgarter Balletts: Béjarts geniale Choreographie wird nolens volens von dieser Musik abgerufen. Für alle jene jedenfalls, die dabei nicht an Orgasmus denken.

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