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Freitag, 25. Mai 2012 | 12:43

 

Bill Frisell, Foto: Jimmy Katz Bill Frisell, Foto: Jimmy Katz

Sam Amidon meets Bill Frisell

26.05.2011

Ohne Parfüm und Mechanik

Dass der nicht sonderlich große Ordenssaal im Residenzschloss nicht voll war, könnte man mit Gelassenheit hinnehmen, wenn die Medien nicht kurz zuvor so viel Aufhebens wegen der Lackaffen des Eurovision Song Contests gemacht hätten. Diese Unverhältnismäßigkeit zwischen Kunst und Schwachsinn, die beide unter der Kategorie »Musik« firmieren, kann einen schon an dem herrschenden Kulturbetrieb und seinen Multiplikatoren verzweifeln lassen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

In den frühen sechziger Jahren, als ich noch recht jung war, konkurrierten in unserer Wahrnehmung Jazz, Rock und Folk. In meinem Freundeskreis hörte man die ersten Aufnahmen der Beatles und der Rolling Stones, die Schallplatten von Thelonious Monk, Miles Davis und Clifford Brown, aber auch Pete Seeger, Joan Baez, Judy Collins und allen voran: Bob Dylan. Auf den Spuren dieser Musiker, auf der Such nach ihrer Herkunft stießen wir auch auf die Plattenlabels Le Chant du Monde und Folkways Records, auf die Sammlungen von Alan Lomax. Die Puristen unter uns übertrafen sich in der Entdeckung von Authentischem, und sprachen nur mit Verachtung von den Nachahmern, die fast immer zu glätten bemüht waren, was im Original die Magie des Rauhen, Ungeschliffenen, oft auch Laienhaften hatte. Huddie Ledbetter, genannt Leadbelly, war uns lieber als die Bluesgrößen jener Jahre.

 

Inzwischen war das durch die Warenästhetik, die in den vergangenen Jahrzehnten alles zu bestimmen schien, weitgehend aus dem kulturellen Bewusstsein europäischer Jugendlicher verschwunden. Und da kommt nun ein junger Singer Songwriter aus den USA zu uns, der genau dort ansetzt, wo wir Nahezu-Dementen in seinem Alter unsere vergessen geglaubte musikalische Heimat hatten. Hört man genauer hin, entdeckt man Querbezüge. Manche Techniken und Verfahren haben in der Rockmusik überwintert, bei Eric Clapton, Eric Burdon, Arlo Guthrie, Leon Redbone, John Mayall oder Long John Baldry sowieso, aber selbst bei Künstlern, bei denen man es auf den ersten Blick nicht erwarten würde, wie Phil Collins oder Tom Waits.

 

Sam Amidon Sam Amidon

Nicht abwegig

Sam Amidons Gesang zeichnet sich aus durch Zurücknahme, durch Andeutung anstelle von Ausschmückung, durch den Verzicht auf Druck und Vibrato. Was aber würde herauskommen, wenn dieser Traditionalist auf einen der avanciertesten Gitarristen des zeitgenössischen Jazz, auf den mittlerweile sechzigjährigen Bill Frisell trifft? Das war das Experiment, das man bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen riskierte. Frisell ist ungeheuer produktiv, er hat zahlreiche CDs, unter anderem bei den renommierten Labels Nonesuch und ECM, herausgebracht. Thomas Wördehoff, seit zwei Jahren Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, greift gern auf Entdeckungen zurück, die er als Dramaturg der Ruhrtriennalle in den Jahren 2001-2008 machte (was einige auffällige Überschneidungen mit »Entdeckungen« Jürgen Flimms bei den Salzburger Festspielen, etwa der Wiener Band Mnozil Brass, auf die wir zurückkommen werden, erklärt). Bill Frisell hat schon an der Ruhr eine Serie von Konzerten kuratiert, die an die amerikanische Folktradition anknüpfen. Es war also nicht abwegig, ihn mit Sam Amidon zu koppeln.

 

Bill Frisell versucht gar nicht erst, seine Gitarre an Amidons Stimme anzugleichen. Er kostet den Schönklang einzelner Töne aus, in der Tradition von Jim Hall, Barney Kessel oder Kenny Burrell. Eyvind Kang an der Viola und Rudy Royston am Schlagzeug füllen den Sound auf, spielen sich aber nicht in den Vordergrund, den ihnen die Sitzordnung zuteilt. Ab und zu lässt die Viola auch Country & Western anklingen, während Frisell die recht schlichten Melodien mancher Hymnen und Folksongs mit offenen Akkordfolgen aufbricht. Das geht dann bruchlos in rockigen Drive über. Songs von Charles Ives gehören ebenso zum Programm wie ein paar kurze Stücke an der Grenze zur Atonalität: Dieses Quartett kennt keine Furcht vor Stilmischung. Es vermittelt den Reiz der überraschenden Wendung, seine Musik besticht gerade durch die Abwesenheit des Übereinstudierten, des Parfümierten und Mechanischen.

 

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