Vom Jazz lieh sich Colosseum die Freiheit der Improvisation zwischen einprägsamen Themen und Riffs und komplexere harmonische Strukturen, als sie bei Rockbands – mit Ausnahmen wie etwa Soft Machine – üblich waren. Auch galt das Saxophon gegenüber Gitarre und Keyboards im Rock nicht als satisfaktionsfähig. Dem Rock schuldete Colosseum den Beat, die Dominanz des Schlagzeugs sowie die Auskostung von Lautstärke und rhythmischem Akzent.
Jetzt ist Colosseum im Stuttgarter Theaterhaus – nicht zum ersten Mal – auferstanden, fast komplett in der Besetzung von 1970 (!), mit Jon Hiseman am Schlagzeug, Dave Greenslade an den Keyboards, Clem Clempson an der Gitarre, Mark Clarke am E-Bass und dem inzwischen siebzigjährigen Sänger Chris Farlowe. Nur für den schon vor sieben Jahren verstorbenen Dick Heckstall-Smith ist Barbara Thompson eingesprungen, die Frau von Jon Hiseman, eine der weltweit aufregendsten Künstlerinnen am Saxophon (und zwar keineswegs nur im Vergleich mit den wenigen Frauen, die es an diesem Instrument zu internationalem Ruhm gebracht haben), die zudem in Stuttgart eine Fan-Gemeinde besitzt: Wie auch Hiseman gehört sie zum Stamm von Wolfgang Dauners United Jazz and Rock Ensemble, das, wie Hiseman mit erkennbarem Respekt betonte, im Theaterhaus seine Heimat hat.
Kein Wunder. Werner Schretzmeier, der Leiter des Theaterhauses, war von Anfang an nicht nur ein Bewunderer dieser längst in die Annalen eingegangenen Big Band, sondern auch ein Fadenzieher hinter den Kulissen. So gesehen konnte Colosseum gar nicht anderswo auftreten als im Theaterhaus. Es machte freilich auch bewusst, wie selten Konzerte dieser Qualität und dieses Anspruchs geworden sind. Das junge Publikum zieht offenbar andere Kost vor. Im vollen Saal saßen vorwiegend Repräsentanten jener Generation, der die Musiker auf der Bühne angehören, und da die schon vor mehr als 40 Jahren unterwegs waren, kann man sich leicht ausrechnen, wie alt sie sind. Dennoch: Es bleibt bedauerlich, wenn Gruppen von diesem Format im Programm des Theaterhauses die Ausnahme geworden sind wie auch die Freien Theatergruppen, die mit großem Erfolg etwa in den drei Häusern des Berliner HAU gastieren. Es gab Zeiten, da sie – und nicht die üppig sich vermehrenden Comedians – den Spielplan des (alten) Theaterhauses bestimmten. Es will nicht einleuchten, dass die Stuttgarter dümmer sein sollen als die Berliner oder dass ein junges Publikum nicht zu derlei Herausforderungen erziehbar sein sollte. Man muss sie nur kontinuierlich und mit Geduld – gewiss: auch mit den dann gerechtfertigten Subventionen – anbieten.