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L´Arpeggiata mit der Compagnia Figli d´Arte Cuticchio in Ludwigsburg

10.07.2011

Ariost und Tasso in Kleinformat

Eigentlich sollten Oper und Puppenspiel eine natürliche Ehe eingehen. Beide Kunstformen setzen auf Artifizialität, leisten Widerstand gegen eine Ästhetik der bloßen Wirklichkeitsverdoppelung, gegen das aktuelle Misstrauen gegenüber dem Artefakt. Sie sind dem Theater in seinem ursprünglichen Verständnis näher als vielerorts das Sprechtheater, wie es, in Zeiten, da der dogmatische Sozialistische Realismus die aufregenden Experimente der frühen Jahre der Sowjetunion von den Bühnen verbannt hatte, das Puppentheater von Sergej Obraszow war. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Christina Pluhar, die Leiterin des Ensembles L'Arpeggiata, lud Mimmo Cuticchio und seine bekannte sizilianische Compagnia Figli d'Arte Cuticchio zu einem gemeinsamen Projekt für die Ludwigsburger Schlossfestspiele ein. Der Titel Combattimento ist zweideutig: Einmal bezieht er sich unmittelbar auf ein Werk des Projekts, dann aber kann er auch als »Wettbewerb« zwischen den beiden beteiligten Ensembles oder den beiden Künsten interpretiert werden. Der Abend besteht aus zwei Teilen. In der ersten Hälfte steht Ariosts Rasender Roland im Mittelpunkt, in der zweiten Hälfte Tassos Befreites Jerusalem. Christina Pluhar verzichtet aber auf eine Synthese von Puppentheater und Oper, von künstlich hergestellten und singenden Figuren. Anstelle eines Miteinander – nur ein Nacheinander. Die Puppen, eine Mischung aus Stabpuppen und Marionetten, präsentieren ihre Versionen von Fragmenten der Stoffe, die Musiker liefern Opernkompositionen von Luigi Rossi (Il palazzo incantato di Atlante) und Claudio Monteverdi (Il Combattimento di Tancredi e Clorinda) nach.

 

Das ist schade, fast eine vergebene Chance. Vor drei Jahren, 2008 gastierte Mimmo Cuticchio mit seiner Compagnia bei den Salzburger Festspielen. Von Gesualdo und seinem Doppelmord aus Eifersucht handelte das Puppenspiel Terribile e spaventosa storia del principe di Venosa e della bella Maria, für das Salvatore Sciarrino eine Musik für Saxophonquartett, Schlagzeug und Frauenstimme geschrieben hatte. Sie besteht größtenteils aus Bearbeitungen von Kompositionen Gesualdos sowie Domenico Scarlattis, die an die Rameau-Improvisationen von Heiner Goebbels und Alfred Harth, an Officium von Jan Garbarek mit dem Hilliard Ensemble oder an den Jazz von Gianluigi Trovesi, auch an die Nuova Compagnia Di Canto Popolare erinnern. Da konnte man sehen, was sich erreichen lässt, wenn Komposition und Puppenspiel eine Einheit bilden, nicht bloß auf einander folgen.

 

Cuticchios Puppentheater ist, für sich genommen, kulturgeschichtlich interessant, aber doch reichlich naiv. Es erschöpft sich ziemlich schnell in seinen Möglichkeiten. Naiv ist auch die christliche Botschaft des Abenteuers von Clorinda. Man ahnt, dass die Sarazenen anders von den Kreuzzügen erzählten. Fast aufregender als die Aktionen der Puppen ist das Cunto, die das Spiel begleitende verbale Erzählung. Zunächst bleibt sie eng am sichtbaren Geschehen, steuert erklärende epische Passagen und Dialoge bei. Dann aber tritt der Meister selbst aus dem Spiel heraus und liefert einen jener auswendig vorgetragenen formalisierten Berichte über historische oder mythische Ereignisse, über Schlachten und Heldentaten, wie es sie in vielen Kulturen – etwa bei den südslawischen Guslaren – gab, die aber kaum noch zu hören sind. Es ist ein Höhepunkt des Abends, und man muss dafür noch nicht einmal die Sprache verstehen: die Prosodie allein ist schon faszinierend.

 

Für ihre musikalischen Beiträge, für die ihr hervorragende Sänger zur Verfügung stehen, hat Christina Pluhar auch noch Tänzer hinzugezogen. Darauf hätte man verzichten können. Die Choreographien bleiben hinter der musikalischen Interpretation weit zurück. Da ist Pluhar dem Irrtum erlegen, man müsse alles szenisch auflösen. Es ist ja richtig, dass Tanzeinlagen in der frühen Oper die Norm waren, und wie man Oper in Tanz überführen kann, hat Pina Bausch eindrucksvoll gezeigt. Aber das war eben Pina Bausch.

 

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