Inzwischen kennen wir subversive Bläserformationen wie das von Heiner Goebbels und Alfred Harth gegründete Sogenannte Linksradikale Blasorchester oder die osteuropäischen Roma-Bands à la Fanfare Ciocarlia. Dass man auch »Klassik« auf Blechblasinstrumenten spielen kann, hat sich hingegen – trotz dem international renommierten Philip Jones Brass Ensemble – im Bewusstsein des europäischen Konzertpublikums und in den Programmen nicht durchgesetzt.
Ist das der Grund, weshalb der Auftritt des European Brass Orchestra unter der Leitung des künftigen Stuttgarter Generalmusikdirektors Sylvain Cambreling bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen so deprimierend schlecht besucht war? Dabei war das Programm in seiner Durchmischung glänzend geeignet, die Vielfalt der Möglichkeiten von Blechblasinstrumenten von tonmalerischen Subtilitäten bis zum kompakten Orgelklang zu demonstrieren. Neben dem Renaissancekomponisten Giovanni Gabrieli standen drei Amerikaner, die dem Intendanten Thomas Wördehoff besonders am Herzen zu liegen scheinen: der diesseits des Atlantiks immer noch unterschätzte Samuel Barber, Aaron Copland mit seiner ebenso kurzen wie berühmten Fanfare For The Common Man und der weitaus weniger bekannte Fisher A. Tull. Bei dem Franzosen Henri Tomasi wurde zitiert, was man bei Blechbläsern wohl erwartet: der wilde und fröhliche Hörnerklang, der zum Jagdgesang ertönen soll.
Originalkompositionen für solche Formationen sind rar. So erklangen als Höhepunkt Mussorgskis Bilder einer Ausstellung in einer Bearbeitung. Und das schien doch eher ein Kuriosum. Maurice Ravels meist gespielte Orchestrierung des Klavierstücks ist so genial, so differenziert, dass die Version für Blechbläser, die nur von Perkussion unterstützt werden, vergleichsweise arm wirkt. Weder dynamisch, noch in den klanglichen Feinheiten können Trompeten und Posaunen, Hörner und Tuben die Instrumente eines Symphonieorchesters inklusive Saxophon ersetzen. Man konnte an diesem Abend, am Beispiel von Copland vor allem, erfahren, was es bedeutet, wenn ein Komponist ganz gezielt für eine bestimmte Instrumentengruppe schreibt. Bei seiner Fanfare kommt das European Brass Orchestra ganz zu sich.
