Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 12:58

Testcard 20: Access Denied

15.07.2011

Ortsverschiebungen

Ein Satz, der etwas furchtbar Trauriges mit einer positiven Botschaft zu verbinden versucht: Auch nach dem Tod des Mitherausgebers Martin Büsser wird Testcard – Beiträge zur Popgeschichte weitergeführt. Von TOM ASAM

 

Testcard ist eine Publikationsreihe im Ventil Verlag, die seit 1995 besteht. Das in Buchform erscheinende Magazin, das im deutschsprachigen Raum wohl ein Unikum darstellt, fundiert auf der Einsicht, dass Schreiben über Popkultur ein gewisses Maß an Geschichtsbezug nötig hat. Testcard agiert in der Lücke zwischen Publikationen, die dem Zeitgeist (und den nötigen Werbepartnern) hoffnungslos verfallen sind und reinem Fan-/ Kanon-Historismus. Regelmäßig erscheinen Ausgaben, in denen sich mehrere Autoren jeweils einem Themenatom des Popuniversums aus unterschiedlichsten Richtungen nähern. Ob Pop und Destruktion oder Retrophänomene in den 90ern, hier gab es immer viel zu entdecken.

 

Im September 2010 ist Martin Büsser, Mitbegründer und Mitherausgeber – ja, man darf wohl sagen: das Herz und die Seele von Testcard – nach kurzer, schwerer Krebserkrankung im Alter von 42 Jahren verstorben. Die Entscheidung, Testcard dennoch weiterzuführen, erläutert Jonas Engelmann in der aktuellen Ausgabe: »Dass wir uns der Trauer nicht ergeben haben und an diesem Projekt festhalten, ist nicht zuletzt wiederum Martin zu verdanken, der uns das Versprechen abgerungen hat, nicht aufzugeben und weiterzumachen.«

 

Access Denied

So liegt nun also die 20. Ausgabe in 15 Jahren Testcard-Geschichte vor. Titel: Access Denied. Ortsverschiebungen in der realen und virtuellen Gegenwart. Damit nähern sich die Autoren einer Kategorie an, die in den letzten Jahren eine unglaubliche Verschiebung und Verdichtung erfahren hat. Die Differenz zwischen dem Ort, an dem wir uns befinden und dem, dem wir uns per Gedanken oder elektronischer Hirnverlängerung (teils Hirnersatz?) nähern, verschiebt und überlagert sich ständig.

 

Not in our name, Marke Hamburg befasst sich mit Strategien gegen Gentrifizierung. Am Beispiel der Hansestadt zeigt sich, wie sich die Bedeutung von Stadt rasant verändert. Städte werden zu Marken gemacht und längst werden auch in diesem Zusammenhang subkulturelle Strömungen blitzschnell marketingtechnisch missbraucht. Die Antreiber der Gentrifizierung und Eventisierung wollen den kauzigen Pauli-Fan (oder den Münchner Stadtsurfer) nicht mehr weghaben, sondern für ihre Zwecke instrumentalisieren.

 

Wo ist zu Hause zwischen den Orten beschäftigt sich mit den durch Kommunikationstechnik veränderten Bedingungen für Konzertorganisation mit DIY-Anspruch. An anderer Stelle geht es um die Relation zwischen Sound, Ort und Landschaften mit Bezug auf das junge Forschungsfeld der Sound Studies und die Chance des Nomadenhaften bei der Suche nach einem Zuhause zwischen den Orten. Auch auf relevante CD- und Buchrezensionen muss der Leser nicht verzichten.

 

Weitermachen / Weiterlesen

Testcard ist nach wie vor ein wichtiger Ort des Zusammentreffens kritischer wie subjektiver Betrachtungen im Spannungsfeld Popkultur / Literatur / Politik. Man kann den Machern nur viel Kraft wünschen, ihren Weg weiterzugehen. Damit dies auch künftig – ohne pseudoredaktionelle Beiträge, Modestrecken und Automobilherstelleranzeigen – gelingen kann: test testcard! Und / oder: spread the message. Für alle näher an popkulturellen Themen Interessierten lohnt sich zudem ein Blick auf die Veröffentlichungsliste des Ventil Verlags. Für diejenigen, denen es hier vielleicht einen Tick zu nerdig zugeht, die aber gemerkt haben, dass eine Einordnung aktueller Popphänomene nur im Zusammenhang mit der Geschichte der Popmusik der letzten 45 Jahre wirklich fruchtet, noch ein Buchtipp: In On the Wild Side erläutert Martin Büsser kurz und knackig: »Die wahre Geschichte der Popmusik«. Einen Überblick über die herausragenden literarischen, journalistischen und essayistischen Arbeiten Büssers gibt die Textsammlung Music is my Boyfriend.


Flattr this




 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...