Frage als Antwort
14.05.2007
Frage als Antwort
Der Typus des wirklich neugierigen Befragers, der Typus eines Marcel Ophüls, eines Günter Gaus oder Alexander Kluge stirbt aus. Die heutigen Interviewer können nicht mehr auf Antworten eingehen, weil sie nicht zuhören, weil sie gar nicht erst Fragen stellen, auf die sie interessante Antworten erhalten würden. Von Thomas Rothschild
Wenn jemand in Wien einem Bekannten begegnet, dann kann es passieren, dass er ihn mit den Worten „Wie geht’s?“ begrüßt. Doch ehe der Angesprochene antworten kann, fügt der Erste hinzu: „Eh gut?!“ Die Intonation lässt nicht erkennen, ob es sich hierbei um eine ergänzende Frage oder schon um eine Antwort handelt. Der Gesichtsausdruck legt aber die Vermutung nahe, dass eine Antwort seitens des scheinbar Befragten nicht erwartet wird. Die Frage „Wie geht’s?“ hat, zumindest in Wien, den Charakter des englischen „How are you?“ angenommen. Sie ist zu einer puren Grußformel geworden wie „Grüß Gott“, „Guten Tag“ oder, neuerdings immer häufiger, „Hallo“. Eine Antwort ist nicht erforderlich. Wird sie tatsächlich gegeben, löst das eher Unmut aus.
Denn im Grunde will niemand wissen, wie es Anderen geht. Das Zuhören und damit das Fragen im eigentlichen Sinne ist aus der Mode gekommen. Die Frage hat meist nur rhetorischen Wert, sie beinhaltet bereits die Antwort, wie das wienerische „Eh gut“. Ob es an einer allgemeinen Ungeduld liegt, die, wie auch auf anderen Gebieten, die Konzentration nicht mehr aufbringen lässt, die Zuhören beansprucht, oder ob es als ein Zeichen des grundsätzlichen Mangels an Interesse für die Mitmenschen zu interpretieren ist, kann hier nicht entschieden werden. Wahrscheinlich kommt beides zusammen.
„Eh gut?!“ Die Frage als Antwort. So ist es im Alltag. Wo die Frage zum Genre gehört, im Interview, kommt noch ein Weiteres hinzu: Journalisten begnügen sich nicht mit der Rolle dessen, der Auskünfte erheischt, vielleicht sogar mit Geschick herauskitzelt, sie wollen auch ihr eigenes Wissen unter Beweis stellen, und das steht dem Fragen im Wege. In der Stuttgarter Zeitung sollte der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen von sich erzählen. Dazu kommt es nicht. Auf eine „Frage“ kann er lediglich antworten: „…richtig“. Dann wird er deutlicher: „Ja, genau. Genau! Sie haben die Frage beantwortet, vielen Dank!“ Gleich darauf lobt er den Interviewer noch einmal: „Wieder: diese Frage ist so perfekt, dass ich sie nicht mit einer Antwort ruinieren möchte.“
Offenbar gilt es in unserer Zeit als vorbildlich, wenn ein Journalist seinem prominenten Gesprächspartner mitteilt „Sie wurden am Soundsovielten in Sowieso geboren und haben im Jahr Soundso die Universität absolviert“ und der derart Belehrte nur noch ein müdes „ja“ erwidern kann. Der Typus des wirklich neugierigen Befragers, der Typus eines Marcel Ophüls, eines Günter Gaus, eines Georg Stefan Troller, eines Hans-Dieter Grabe, eines Alexander Kluge, eines Antonín Liehm stirbt aus. Die heutigen Interviewer können nicht mehr auf Antworten eingehen, weil sie nicht zuhören, weil sie gar nicht erst Fragen stellen, auf die sie interessante Antworten erhalten würden. Ihnen geht es nicht um Auskünfte, sondern um Selbstdarstellung, weshalb sie sich, anders als Gaus oder Kluge, im Fernsehen ständig ins Bild setzen.
Ein alter jüdischer Witz geht so: Trifft der Blau den Grün. Sagt der Blau zum Grün: „Sie fragen mich gar nicht, wie es mir geht?“ Fragt der Grün: „Wie geht es Ihnen, Herr Blau?“ Darauf der Blau: „Fragen Sie nicht, fragen Sie nicht…“
Thomas Rothschild