Über Journalismus
28.05.2007
Hans Durrer über Hofberichterstattung und Qualitätsjournalismus.
Manchmal, vor dem Fernseher, bin ich richtiggehend fassungslos. Zuletzt, als neulich auf BBC und CNN live berichtet wurde, dass Tony Blair ankündigen werde, wann er zurückzutreten gedenke. Die Kameras begleiteten ihn als er Downing Street Nummer 10 verliess, zeigten das Flugzeug, das ihn zu seinem Wahlkreis flog, filmten seine Wagenkolonne irgendwo im Norden Englands aus dem Helikopter, zeigten Bilder vom Versammlungslokal, wo er seine Ankündigung machte. Eine Live-Berichterstattung darüber, dass einer das Datum seines Rücktritts bekannt gibt? Zugegeben, solcher Journalismus – genauer: solche Hofberichterstattung – ist die Regel, wieso macht sie mich also fassungslos? Ich weiss es nicht, kann nur Vermutungen anstellen, und eine davon ist diese: die täglichen Nachrichten (oder was dafür ausgegeben wird) laufen an einem vorbei, tropfen an einem ab, erreichen einen nur ganz selten. Dieses Mal nun erreichten sie mich (zumindest eine von ihnen) und ich konnte gar nicht glauben, dass ich mir solches bieten lasse. Womöglich täglich, und ohne es zu merken. Die Lösung? Abschalten natürlich, keine Zeitungen mehr lesen. Wenn’s so einfach wäre. Ist es aber nicht, denn ich will ja schliesslich nicht, dass mir Meldungen entgehen wie zum Beispiel diese, die unter dem Titel „To fry the smallest fish“ im Londoner Guardian vom 12. Mai zu finden war:
Auslieferungsbegehren 1: Luis Posada, ein Anti-Castro-Fanatiker und CIA-Agent unter Bush Senior, der beschuldigt wird, in 1976 ein kubanisches Flugzeug gesprengt und dabei 73 Menschen getötet zu haben, der zugegeben hat, in Hotels Bomben gelegt zu haben, der wegen Mordversuch an einem Staatsoberhaupt verurteilt worden ist und dessen Auslieferung von Kuba und Venezuela verlangt wird, wurde gerade von einem texanischen Gericht, wo er des illegalen Grenzübertritts in die USA beschuldigt wurde, wegen eines geringfügigen administrativen Fehlers seitens der Behörden freigesprochen und kann nun einem ruhigen Lebensabend in Florida entgegen sehen.
Auslieferungsbegehren 2: Gary McKinnon, der junge Schotte, der beschuldigt wird, von einer Wohnung in Nord-London Websites des Pentagon sowie anderer militärischer Einrichtungen gehackt zu haben, wehrt sich gegen seine Auslieferung in die USA, wo er in Virginia vor Gericht gestellt werden soll. Da John Reed, der britische Innenminister, bereits seine Zustimmung gegeben und da im Zusammenhang mit den Hacker-Aktivitäten auch „the magic phrase ‚9/11’“ erwähnt wurde, ist die Chance gering, dass McKinnon ebenfalls wegen eines geringfügigen administrativen Fehlers seitens der Behörden freigesprochen wird.
Der Bericht des Guardian macht klar (und man ist dankbar für diese Aufklärung), dass Posada nicht ausgeliefert oder in den USA wegen der Flugzeugsprengung belangt wird, weil die Gefahr besteht, dass er dabei schmutzige CIA-Geschichten verraten könnte. Und das wäre, aus Sicht gewisser US-Behörden, offenbar schlimmer als dass er für den Tod von 73 Menschen nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Mit anderen Worten: was zählt, ist nicht Gerechtigkeit, was zählt, ist wie man rüberkommt. Genauso im Fall von McKinnon, der gemäss eigenen Angaben auf den Websites der Militärs vor allem herausfinden wollte, ob Informationen über UFOs unterdrückt würden. Dass ihm das Eindringen in diese Websites gelungen war, dass er gezeigt hat, dass die US-Militärs weit weniger kompetent sind als sie uns glauben machen wollen, das ist unverzeihlich in unserer Welt des Scheins.
Hätte McKinnon sein technisches Talent dazu eingesetzt, Kuba oder Castro zu schädigen, schreibt Duncan Campbell im Guardian, würde er jetzt womöglich auch die Freiheit von Miami geniessen, könnte zudem einen Trip nach Disney World machen und dort womöglich das amerikanische Justizsystem mit Mickey Mouse diskutieren. Danke, Herr Campbell, das ist haargenau die Aufklärung, die guter Journalismus leistet. Und es ist diese Aufklärung, die wir nötig haben. Und Grund genug, auch weiterhin Zeitungen zu lesen.
Hans Durrer
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