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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:00

Rinnsteins Kopf, das Kasseler Graffiti - Archiv

26.07.2007

von Anant Kumar

 

Ludwig H. Rinnstein alias Ludi, ein Aspirant der documenta VI, nannte sich selbst das Kasseler Graffiti-Archiv.
Das hatte ich damals, vor 2 Jahren, erfahren. Jene Mitteilung – besser: die Geheimnisoffenbarung – brachte mich zum Staunen. In unserem knappen Gespräch wiederholte sich seine Parataxe „Ich nenne mich das Kasseler Graffiti-Archiv“ zweimal. Ludi wohnte in der Nachbarschaft zehn Häuser weiter links.

Früher, etwa bis vor einem Jahr, wohnte Ludi in unserem Haus. Unten im Erdgeschoss. Er hatte eine Praxis. In früheren Tagen las ich das Schild, auf dem ein langer Begriff stand, wiederholt beim Raus- und Reingehen. Ich konnte ihm, dem Begriff der heilenden Praxis, jedoch keine Bedeutung abgewinnen. Irgendwann mal stellte sich wiederum meine Praxis (des wiederholten Lesens) von alleine ein. Daran kann ich mich heute noch erinnern. Eine Hälfte, die erste oder die zweite, des Aufdrucks war etwa mit 'Supervision…' belegt.

Ludi war kleinwüchsig, hatte ein Pilsbäuchlein, trug einen Asketenbart… und er befand sich in seinen späten fünfziger Jahren. Er war auch ein wenig breit. Er trug Trainingsanzüge, zumindest oft den unteren Teil, und seinen wuscheligen Kopf (bis heute: das Kasseler Graffiti-Archiv) hielt er mit einer Golfmütze bedeckt.

So sah ich ihn halt, meistens wenn er zum EDEKA um die Ecke ging.

Ich fand alles stimmig: die kleine, alte, nach dem Bismarckschen General benannte Blücherstraße, den EDEKA-Laden („Witwe-Bolte-Laden“, sagt der Mitbewohner), zwei Häuser unter Denkmalschutz, die paar türkischen Mitbürger, den einsamen Thomas (der zweimal im Jahr in zwei unberechenbaren Nächten aus seinem Fenster schreit: „Hallo, ich bin es!“) … und natürlich den Ludi. Sogar sehr.

Damals, als ich Ludi vor dem Laden grüßte: „Hallo Ludi, wie geht’s?“, antwortete er zuerst gewöhnlich:
„Ach ganz gut.“
Dann wurde er – aus einem verständlichen Grund – energischer und fluchte:
„Bis auf diese Scheißkälte. Es muss jetzt Frühling werden.“
„Allerdings. Für März ist es saukalt.“
Mein Feedback milderte Ludi, und er wurde bescheidener:
„Sonst bereite ich eine internationale Graffiti-Konferenz im Herbst vor.“
„Was? Du beschäftigst Dich mit Graffiti? Das ist mir völlig neu.“
„Und wie! …Seit neununddreißig Jahren beschäftige ich mich damit. Und ich bindas einzige ausführliche Archiv auf der Welt!“
„Wahnsinn.“
Mein Feedback (im leisen Ton) fing an, Ludi zu erhitzen. Er kam in Fahrt.
„…und ich möchte wie die Anderen auf meinem Wissen nicht sitzen bleiben.“
Hierzu machte er eine Gestik, und zwar: Er zeigte seinen Zeigefinger und den Daumenauf sein überproportionales Gesäß. Ich sah ihn in der Trainingshose und sagte nochmals: „Wahnsinn.“
Mein Erstaunen ging ins Wundern über mit seiner Konklusion, dass er über sein Wissen ein Kompendium geschrieben hätte:
„Elftausend Seiten und dreihundert Kapitel.“
Ich wiederholte (in einem verwunderten Ton):
„Meine Güte. Elfhundert Seitenund dreihundert Kapitel!“
Und mein Lapsus wurde sofort korrigiert.
Ludi schrie: „Elftausend Seiten unddreihundert Kapitel!!! In diesem Leben schaffst Du das nicht.“
„Allerdings.“

Ludwig H. Rinnstein alias Ludi nannte sich selbst das Kasseler Graffiti-Archiv, bis er heute morgen an einer Nervenkrankheit starb.

Er war Student eines Kasseler Kunstprofessors namens Mahler, der gegenüber von Ludi mit Frau Gerlinde Schwan wohnt. Als Lokalpolitikerin setzt sich Gerlinde Schwan für tolerante, innovative, spielerische Schulbildung ein, die die Sprach- und Kunstfertigkeiten der Kinder sehr früh erschließen soll. Frau Schwan eröffnet die Vernissagen.

Nach dem Abgang des Schülers Rinnstein hegt Prof. em. Anselmus Mahler neue Ambitionen, nämlich: Er möchte eine epochemachende Autobiografie verfassen, in der er sämtliche Todesfälle seiner Schüler aufzählen, erläutern, honorieren,... möchte. Seine Schüler kamen aus der weiten Welt, bis aus Argentinien. Vielleicht lerne ich eines Tages auch Anselmus kennen.

Die heutige Begebenheit wundert mich halb und halb. Noch. Morgen werde ich die Blücherstraße noch mehr kennen. Alles wird stimmig. Stimmiger.

Apropos: Wenn wir seine Aspirationen richtig vernommen haben, gedenkt der Kasseler Kunstprofessor sein in der Zukunft entstehendes Werk im Rahmenprogramm der documenta XIII zu präsentieren.

© Anant Kumar

www.anant-kumar.de

www.autorenhessen.de/autoren/kumar

documenta 12 KASSEL16/06 – 23/09 2007

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