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Kulturelle Globalisierung

12.08.2007

Globalisiertes Paradies?

Dass die EU ein rein ökonomisches Projekt ist, könnte jeder wissen, der sich nicht vom ideologischen Gefasel den Verstand rauben lässt. So betrachtet muss man jenen Bevölkerungen Sympathie zollen, die sich gegen den Brüsseler Imperialismus zur Wehr setzen. Wahrscheinlich ist der Zug aber abgefahren. Ernsthaft ist dieses Projekt nicht mehr zu gefährden. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

In Krakau gibt es, gleich neben dem Hauptbahnhof, eine riesige Einkaufspassage, die Galeria Krakowska. Sie sieht aus wie alle Einkaufszentren der vergangenen dreißig Jahre zwischen Vancouver und Tokio. Auf drei Ebenen haben 270 Läden ihre Kojen. Da stößt man auf bekannte Namen: Barbour und Benetton, Boss und Burlington, C & A und Esprit, H & M und Hilfiger, Lee Wrangler und Levi’s, Mustang und Orsay, Peek & Cloppenburg und Pierre Cardin, Schießer und Timberland, Trussardi und Versace, Zara und Adidas, Nike und Puma, Reebok und Deichmann, Görtz und Swarovsky, Swatch und Douglas, Fielmann und Rossmann, Sephora und Yves Rocher. Alle, alle zeigen sie Flagge. Nur polnische Firmen gibt es keine in der Krakauer Galerie.

Ist das jenes Paradies, das uns die Befürworter der Globalisierung verheißen? Wollen wir, wenn wir in Krakau sind, vergessen, dass wir uns eben nicht in Washington, London, Berlin oder Rom befinden?

Sprechen wir Klartext: Die Osterweiterung der EU war nichts anderes als ein Akt der friedlichen Kolonialisierung. Nicht den Polen, den Tschechen, den Rumänen sollte Gutes getan werden, sondern dem westlichen Kapital. Nordamerikanische und westeuropäische Firmen haben sich Absatzgebiete erobert. Allein darum geht es, um nichts anderes. Noch sind es nur wenige neureiche Polen, die von dem überbordenden Angebot in der Galeria Krakowska und anderswo Gebrauch machen können, aber es ist abzusehen, dass es sich bei steigendem Wohlstand in Osteuropa für die westlichen Firmen gelohnt haben wird, rechtzeitig die Positionen besetzt zu haben. Die Welt: ein einförmiges Einkaufsparadies zum Segen von Benetton und Levi’s, von Schießer und Fielmann. Überall die gleichen Hamburger, die gleichen Illustrierten, die gleichen Modeaccessoires.

Dass die EU in Wahrheit ein rein ökonomisches Projekt ist, könnte jeder wissen, der sich nicht vom ideologischen Gefasel den Verstand rauben lässt. So betrachtet muss man jenen Bevölkerungen Sympathie zollen, die sich gegen den Brüsseler Imperialismus zur Wehr setzen. Wahrscheinlich ist der Zug aber abgefahren. Ernsthaft ist dieses Projekt nicht mehr zu gefährden.

Noch um einen Tick schlimmer freilich sind die Illusionen derer, die sich auf kulturellem Gebiet Gutes von der europäischen Einigung und der Globalisierung erhoffen. So wie sich die Galeria Krakowska in nichts von derlei Passagen anderswo unterscheidet, so wird sich über kurz oder lang die polnische Kultur kaum noch von der deutschen, der englischen, der japanischen Kultur abheben, und alle werden sie dem Vorbild der USA folgen. Wer meint, das sei ja nicht so schlimm, Rock sei gute Musik und Andy Warhol könne man guten Gewissens nacheifern, wird seine blauen Wunder erleben. Schon jetzt sind nationale und regionale kulturelle Traditionen spurlos verschwunden. Der Verlust vollzieht sich unbemerkt und von der Kulturkritik unkommentiert. Ein paar Polemiker unterstellen den Gegnern dieser Entwicklung eine unzeitgemäß nostalgische, gar eine nationalistische Haltung. Aber das Plädoyer für die Vielfalt, für viele nebeneinander existierende nationale und regionale Kulturen ist genau das Gegenteil von Nationalismus. Die Alternative heißt heute nicht Nationalismus oder Internationalismus (der ist ja schon als Begriff aus dem Gebrauch geraten), sondern Globalisierung oder Vielgestaltigkeit. Wem vor der Vorstellung graust, dass sich deutsche, französische, italienische, russische, tschechische Filme über kurz oder lang gleichen wie die Galeria Krakowska einer Hamburger oder einer Montrealer Passage, ist aufgerufen, seine Stimme zu erheben. Dass sie gehört wird, ist ohnedies wenig wahrscheinlich. Die überall monoton erklingende Musik aus den Lautsprechern wird es verhindern.

Thomas Rothschild

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