Thomas Kistner: Fifa-MafiaAndrea Maria Schenkel: FinsterauDavid Small: Stiche. Erinnerungen"Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniertDer FUTTERblog - streng verdaulich!Kennzeichen T - 28.04.2012
Das Regietheater zeichnete sich in seiner heroischen Zeit, in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dadurch aus, dass es für „klassische“ Stücke moderne psychoanalytische oder soziologische oder textkritische Deutungen fand und organisch in die Inszenierung einarbeitete. Kostüm und Bühnenbild waren dann eine wichtige Ergänzung, nicht isolierte Signalstationen, wie heute leider allzu oft.
Wenn man einen Sessel aus dem Biedermeier in einen eben erst gestalteten modernen Raum stellt, bleibt er dennoch ein Biedermeiersessel. Man mag ihn in dem Raum als unpassend oder gar störend empfinden, man mag zur Ansicht kommen, dass er so fremdartig gar nicht wirkt, oder man mag gerade die Differenz, den Stilbruch als reizvoll empfinden. So oder so: aus dem Biedermeiersessel wird kein Sessel des Jahres 2007.
Es gibt gute Gründe für die Auffassung, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte, also auch mit Kunstwerken der Vergangenheit, die Einsicht in die Gegenwart vergrößert, weil gerade die Unterschiede bestimmte Charakteristika deutlicher zutage treten lassen. Bei vielen Theatermachern hat sich jedoch der Standpunkt durchgesetzt, ältere Dramen seien nur dann aufzuführen, seien nur dann für das heutige Publikum von Interesse, wenn sie unmittelbar etwas über unsere Gegenwart auszusagen vermögen. Das können sie, wenn ihre Autoren seit langem tot sind, naturgemäß nicht von sich aus tun – es sei denn, sie wären prophetisch gewesen. Es bedarf also einiger Operationen, um ein Drama der Vergangenheit auf die heutigen Verhältnisse abzustimmen. Dafür sind Regie und Dramaturgie zuständig. Eine Möglichkeit, von der in Stuttgart vor allem Volker Lösch Gebrauch macht, ist der massive Eingriff in den Text, bis hin zur De-Facto-Neufassung, bei der gerade noch das Gerüst des Originals erkennbar ist.
In der Regel aber verlassen sich Regie und Dramaturgie, sei es aus Unvermögen, sei es aus Respekt vor den Dialogen, auf Kostüm- und Bühnenbildner. Und so sehen wir alles, von Shakespeare bis O’Neill, vom „Freischütz“ bis zu „Eugen onegin“ in dezenten oder grellen Bekleidungen, in eleganten oder öden Räumen, die eins gemeinsam haben: Sie gehören nicht in die Zeit, in denen die Stücke spielen.
Das würde ja noch hingehen, wenn auch der Interpretationsansatz ein heutiger wäre. Das aber ist in der Regel nicht der Fall. Historische Konstellationen, überwundene oder in Verlust geratene Zustände, vergangene Probleme und die für sie gefundenen Antworten werden nicht dadurch vergegenwärtigt, dass man die Figuren in moderne Wartesäle setzt, ihnen eine Schreibmaschine oder Plastikmöbel zur Seite stellt und sie stereotyp die Armbewegungen John Travoltas nachvollziehen lässt, wenn sie übermütig wirken sollen.
Das Regietheater zeichnete sich in seiner heroischen Zeit, in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dadurch aus, dass es für „klassische“ Stücke moderne psychoanalytische oder soziologische oder textkritische Deutungen fand und organisch in die Inszenierung einarbeitete. Kostüm und Bühnenbild waren dann eine wichtige Ergänzung, nicht isolierte Signalstationen. Hätte Peymann gewusst, was er mit Iphigenies Schreibmaschine auslösen würde – er hätte wohl darauf verzichtet.
Viele Themen des bürgerlichen Zeitalters und auch der vorbürgerlichen Epoche sind, wenngleich in veränderter Gestalt, auch heute noch diskussionswürdige Themen. Jenseits der Theatermoden fällt es eigentlich niemandem schwer, die Aktualität von Aischylos und Sophokles, von Shakespeare und Molière, von Kleist und Grillparzer, von Tschechow und Pirandello zu erkennen. Genau genommen scheinen sie uns weniger „veraltet“ als Tennessee Williams oder Jean Anouilh. Wer nicht auf die Abstraktionsfähigkeit der Zuschauer vertrauen will, wer meint, die Metaphern der Vergangenheit in gegenwärtige Bilder „übersetzen“, sie heutigen Erfahrungen angleichen zu müssen, mag das tun. Nur wage man sich dann an die Substanz. Äußerlichkeiten wie Kostüm und Bühnenbild schaffen vielleicht ein gegenwärtiges Ambiente, aber keine Gegenwart. Ein Pistolenduell bleibt ein Pistolenduell, also ein idiotischer, aber heute mehr noch als zu Zeiten Puschkins oder Schnitzlers anachronistischer Ausdruck von Ehrenkonventionen, auch neben einem Fernsehapparat – wie der Biedermeiersessel im modernen Zimmer ein Biedermeiersessel bleibt.
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