Jedenfalls scheint der Hinweis auf jenen Hahn, dem – zumindest in Mitteleuropa – durchaus trinkbares Leitungswasser entspringt, einer verloren gegangenen Pädagogik anzugehören. Welche Mutter wagte gar, die Löschung des Dursts für das Abendessen, das zwanzig Minuten danach bereitsteht, vorzusehen. Es gilt nun schon seit längerer Zeit als ausgemacht, dass Bedürfnisse unmittelbar, sofort befriedigt werden müssen und ein Aufschub zu Frustrationen führe, die zumindest Impotenz oder Frigidität, wenn nicht Schlimmeres, verursachen.
Mittlerweile haben Studenten in Seminaren nicht nur die obligatorische Mineralwasserflasche oder Milchtüte vor sich auf dem Tisch, sondern auch die Butterbrezel oder die Kinderschokolade, in die sie beherzt beißen, wenn es der Hunger befiehlt. Und weil sich die Bedürfnisse nicht auf physische Befindlichkeiten beschränken, sondern weit in den Bereich der Kommunikation hinein ragen, springen diese Studenten wie von der Tarantel gestochen auf und verlassen den Raum, wenn das Handy in der Hosentasche vibriert. Die Fähigkeit zum Aufschub: hier ist sie vollends obsolet. Frustrationstoleranz: hat wohl was mit dem Bremsweg eines Autos zu tun.
Dem Zwang, Bedürfnisse sofort zu befriedigen, entspricht das nur scheinbare Gegenteil: Mühen erst im allerletzten Moment auf sich zu nehmen. Dass es sich lohnen könnte, unangenehme Verpflichtungen möglichst schnell hinter sich zu bringen, um danach die gewonnene Freiheit zu genießen, ist ein unzeitgemäßer Gedanke. Verträgt die Löschung des Dursts keine Minute Aufschub, so ist der Aufschub bei der Erledigung ungeliebter Aufgaben heutzutage die Regel. Und wenn dann ein vorgegebener Termin erreicht ist, wird die Gewährung weiteren Aufschubs mit der größten Selbstverständlichkeit erwartet. Hätte es diese Norm schon im 19. Jahrhundert gegeben, wäre Georg Büchner nicht um den Preis für das knapp zu spät eingereichte Stück
Leonce und Lena gekommen.
Dies ist kein Plädoyer für preußische Disziplin, obwohl es selbst für diese ein paar plausible Argumente gibt. Aber unter unseren Augen ist ein kultureller Wandel eingetreten, der über eine Privatsache hinausgeht. Es hat soziale Auswirkungen, wenn Zeitplanung dem Lust- und Unlustprinzip unterworfen wird, wenn sich Erwachsene verhalten wie Kleinkinder vor ihrer Sozialisation. Die Zusammenarbeit wird erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht, wo man sich nicht darauf verlassen kann, dass Partner Abmachungen und Termine einhalten. Die antiautoritäre Erziehung hat ihre historischen Verdienste. Hinter sie will kein vernünftiger Mensch retour. Aber antiduckmäuserische Zivilcourage und Rücksichtslosigkeit sind nicht dasselbe. Was der aktuelle kulturelle Wandel zum Vorschein bringt, ist ein extremer Individualismus, der eher den Bedingungen einer globalisierten Konkurrenzgesellschaft entspricht als dem Ideal einer egalitären Gemeinschaft, welche die Befürworter der antiautoritären Erziehung im Blick hatten. Der Mut vor Kaiserthronen oder vor weniger glanzvollen Instanzen äußert sich nicht im Nuckeln an der Colaflasche.
Thomas Rothschild