Früher, als das Handy noch nicht erfunden war, ging man zum Telefonhäuschen, wenn man unterwegs war und jemanden anrufen wollte. Später wurden diese so häufig als Pissoir missbrauchten Wegmarken durch offene Telefonautomaten ersetzt, die den Benutzer immerhin noch durch Plexiglashauben von der Umgebung abschirmten. Kann man sich vorstellen, dass damals jemand die Tür zu einer Telefonzelle geöffnet hätte, um sich einem ihm unbekannten Telefonierenden – und sei es wegen des schlechten Wetters – hinzuzugesellen, dass sich jemand neben einem unüberdachten öffentlichen Fernsprecher postiert hätte, um dem Gespräch eines telefonierenden Zeitgenossen zu lauschen?
Heute aber wird einem aufgedrängt, was man früher als halbwegs gut erzogener Mensch vermied: die Teilhabe an der Privatsphäre. Die Schamlosigkeit, der Exhibitionismus, mit dem Frauen und Männer in der U-Bahn, im Kino, auf dem Gehsteig in ihre Handys brüllen, ohne Scheu vor Mithörenden, ohne Rücksicht erst recht auf deren Ruhebedürfnis, oft mit einem geradezu auffordernden Gestus, als wären ihre privaten Mitteilungen von menschheitsbewegendem Interesse, ist zur Landplage geworden. Dass die Handysüchtigen Diskretion nicht mehr kennen, ist ärgerlich genug. Dass sie einem selbst aber Diskretion verunmöglichen, grenzt an Nötigung. So klein und dünn kann ich mich beim besten Willen nicht machen, dass ich nicht von Handygesprächen umlagert würde. Ich muss am Flughafen mitanhören, wie jemand jemandem mitteilt, dass er eben angekommen sei, ich muss in der Straßenbahn die Ratschläge aufnehmen, die eine Frau einer Freundin bezüglich der Beerbung ihres Mannes erteilt, ich muss an dem Liebesgeflüster (Geflüster ist hier eine grobe poetische Untertreibung) beim Spaziergang durch den Park Anteil nehmen. Privatheit und Diskretion sind keine verbindlichen Werte mehr.
Als ich in den sechziger Jahren in Wien studierte, sprach ich mich gegen das Gesetz aus, das Homosexualität damals unter Strafe stellte. Für meine Studienkollegen war es beschlossene Sache: ich müsse homosexuell sein. Dass sich jemand gegen Gesetze engagiert, weil sie seinen Vorstellungen von einer menschlichen Gesellschaft widersprechen, auch wenn er nicht selbst unmittelbar davon betroffen ist, schien ihnen undenkbar. In Österreich war die überwiegende Mehrheit stets einverstanden mit staatlichen Eingriffen, die geeignet waren, tüchtige Konkurrenz, und sei es durch Kriminalisierung, Vertreibung und Mord, zu beseitigen. Die Ausschaltung der Homosexuellen passte in dieses Konzept, wie man denn überhaupt bis heute insgeheim an der Meinung festhält, dass die Nationalsozialisten schon die Richtigen ins KZ gesteckt haben.
In meinem engeren Freundeskreis hingegen war man der Überzeugung, dass sexuelle Gewohnheiten Privatsache seien. Sie gingen niemanden, erst recht nicht den Staat, etwas an. Mittlerweile wurde der Paragraph, der gleichgeschlechtliche Liebe unter Erwachsenen kriminalisiert, in Österreich wie in Deutschland beseitigt. Heute aber erleben wir, dass uns Frauen und Männer landauf, landab, in Zeitschriften, in Fernsehsendungen, in Filmen in großer Ausführlichkeit mitteilen, welche sexuellen Praktiken sie bevorzugen. So genau wollte ich es eigentlich nie wissen. Ich bleibe heute wie in den sechziger Jahren dabei: Sexualität ist Privatsache. Das Outing von Randgruppen mag ja vorübergehend notwendig gewesen sein, um aufzuklären und eine Veränderung des öffentlichen Meinungsklimas zu bewirken. Nun aber, da Homosexuelle und lesbische Frauen nur noch den üblichen Vorurteilen von Idioten begegnen wie Behinderte, Sinti und Roma, Juden und Araber auch, nicht aber der Verfolgung durch Staat und Gesetz, gibt es keinen Grund, die Umwelt ständig zur Teilhabe an spezifischen sexuellen Vorlieben einzuladen. Von Privatheit ist nur noch im Zusammenhang mit dem Datenschutz die Rede. Vielleicht könnte man sie auch im Alltag wieder respektieren. Das Zauberwort heißt Diskretion. Aktiv und passiv.
Thomas Rothschild