Aber nein, das war natürlich gerade ganz falsch gesagt. Weil der unbedingte Ernst und das Messianische geradezu erst den Grund dafür richten, für ein Kunstwerk, ein Lebenswerk, das genau das bekommt: Bums. Telos, ein Ziel, das über seine eigene Zeit selbst noch hinausweist. Kraft, die einstrahlt, bis hinein in meine retro-möblierte und auch ganz berechtigt mittelmäßig gesplitterte Gegenwart.
Ja, Beuys war anthroposophisch angehaucht, von Rudolph Steiner beeinflusst, auch alchemistisch, hat sich hier und da auch mystisch gebärdet, ja er hat sich Honig über den Kopf gegossen, ja er hatte vielleicht auch, wie man so sagt, nicht immer alle Nadeln an der Tanne, oder jedenfalls nicht immer da, wo sie hingehören. Und er trug eine Silberplatte in seinem "zurecht geschossenen" Schädel. Nein, er war nicht gelassen.
Was er aber war: Neugierig, als Physiologe, als Naturwissenschaftler, als Materialforscher, als Technologe. Sein Wirken funktioniert auch rational und technologisch. Ins Werk gesetzte Meditation, Ermittlung. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden und in einem gewissen Sinne ist er das geworden und geblieben. Dieser Forscherdrang ist etwas ganz anderes als Design, und ist wohl nicht zu haben ohne ein Entsetzen, das ich auch als ein Sichaussetzen respektiere, dass sich aussetzt, einlässt. Im Kontakt mit den Materialen, seien es nun physische oder metaphysische Materialien, oder Menschen, mit den Stoffen und Sirenen der eigenen Biografie, den Energien, den Steigungen und Abstürzen, den Formationen, den Rissigkeiten, den Gefährdungen bei Temperaturen immer dicht um den Schmelzpunkt.
Für mich eines der typischsten und zugleich zärtlichsten Objekte von Beuys ist, und überhaupt eigentlich eines meiner Lieblingskunstwerke:
„Der Schneemann.“
Wie stellt Beuys diesen Schneemann aus? Er zeigt ein Stück Kohle. Die Augen also, die Wärme, das Lächeln.
Man kann hier vorschnell erwärmt sein von diesem schönen Trick und sich mit einer allzu korrekten Interpretation eines „Anti-Schneemanns“, der nur aus seinem Blick und seinem Lächeln besteht, zufrieden geben.
Ein Schneemann, der, wie es so schön heißt – auf etwas reduziert wurde. Auf seine Wärme. Auf das heute so hoch gehandelte Ach-so-Menschliche der Menschlichkeitskirche. Ich bin damit nicht zufrieden. Denn das würde bedeuten, die Idee des Künstlers einfach zu konsumieren. Für mich bleibt es eine dynamische Plastik, die mir sagt: Ohne Schneemann ist auch diese Kohle nur Kohle, und kein Mund, kein Lächeln, keine Augen. Ihr müsst auch den Schnee und die konstruktive Kühle verstehen, achten und annehmen, als etwas, das zu Euch gehört. Auch ein Schneemann wird gebaut. Auch Kohle und Erz müssen gewonnen werden wie ein Lächeln. Den Tausch verstehen zwischen Energie, der Wärme und ihrer physischen auch kristallinen auch rationalen Formation. Ein Tausch, der Wirklichkeiten erst bewegt, sie wirklich macht. Ohne ein Bewusstsein für diesen Tausch, verliere ich mich und schmelze einfach nur weg in die eine Richtung. Oder werde unerheblich.
Beuys Werke fordern mich dazu auf, sie im stofflichen Prozess rückwärts zu empfinden. Und dies auch rational. Und wieder vorwärts. Mir vorzustellen, dass hier ein Handschuh liegen geblieben ist, zu dem noch ein zweiter Handschuh gehört. Deshalb ist dieser Schneemann auch ein kleiner Charaktertest. Ohne Schnee bleiben sein Blick und sein Lächeln einfach nur öde Kohle.
Als Kind habe ich gerne Schneemänner gebaut. Der Schnee hat meine Hände heiß gemacht. Und sein warmes mich verkohlendes Lächeln war nur erheblich, weil es aus einer konstruktiven Kältesubstanz herauslächelte. Ich mochte den Winter. Ich liebte die Frau Schnee und ihren Mann. Denn auch die Frau Schnee ist ein schöner Filz mit einem inneren kristallinen Reichtum.
Und jetzt schreibe ich doch einmal etwas, dass vielleicht ganz falsch ist. Aber trotzdem. Zu seinem erweiterten Kunstbegriff gehört für mich auch die Freiheit der Interpretation. Ich denke mir, Beuys würde heute, wenn er noch lebte, auch Kälteplastiken herstellen.Vielleicht hat er es ja auch damals schon getan. Und er würde sich fr Wissenschaft und Technik interessieren, ebenso wie für das Internet. Vielleicht würde er wieder mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Physikern, Klimaforschern vielleicht, Hirnforschern. Oder einen Satelliten ins All schießen. Aber nicht einfach nur ästhetisch, sondern wirklich begreifen wollend.
Warum sollte das weniger warm sein?
Interface. Face. Beuys. Du. Mensch und Wirklichkeitsermittler. Ich glaube nicht, dass Du bei deinen Eichen in Kassel stehen geblieben wärst. Kann unsere Zeit sich an Dich schließen? An deine Unbedingtheit, deinen Willen zum Wirkenden, zur Wirklichkeit, zur Ganzheit. An deinen unheimlichen Ernst. Müssen wir uns den Kopf „zurecht schießen" lassen?
Ganz sicher, würde er antworten, wird auch Euer Kopf gerade zurecht geschossen. Denn alle Wirklichkeiten sind gleichwertig. Ihr müsst Eure nur anerkennen, erforschen, begreifen wollen. Aber weder müsst ihr zurück in irgend einen staubigen Katholizismus, noch zurück auf die Bäume. Denn Ihr schließt Euch ja schon an. Euer Filz sind Eure Techniken. Der Filz der kleinen und großen Schaltkreise. Der Filz des Internets. Das ist Eure fluide Sozialplastik. Nur ein Beispiel. Macht weiter da und woanders. Holt Euch die kleinen und großen Erfrierungen da und entdeckt auch das Wärmepotential der technischen Filze. Lernt weiter mit ihnen umgehen. Begebt Euch hinein und wieder hinaus. Begreift sie. Versteht sie. Habt keine Angst vor dieser Natur der Technik, denn ihr seid ein Teil davon, lernt sie tiefer und besser benutzen und begreifen. Und wisst, dass man sich vor Rationalität nicht immer nur zu fürchten braucht. Schönen Gruß von der Silberplatte in meinem Kopf: Macht die Risse, seht die Flüsse. Stürzt nicht ab und bleibt zärtlich.
Ich höre noch einmal die Stimme des Tierfilmers Heinz Sielmann:
„Und hier sehen wir deutlich, wie der kleine Gecko mutig sein Reich weiter erobert.“
Oben am Himmel ein leises Flugzeug.
Tim Boson