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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:03

Verfallserscheinungen

13.08.2008

Die Schludrigkeit des Umgangs mit Sprache und kulturellen Kategorien im Rundfunk und in den Zeitungen hat sich längst ausgewirkt. Wer darauf hinwies, galt als Kulturpessimist, gar als Beckmesser. Jetzt haben wir den Salat. Freilich, es geht auch so. Aber wer sich mit diesem Zustand abfindet, soll zumindest eingestehen, dass er sich vom Menschenbild der Aufklärung verabschiedet hat.
Von Thomas Rothschild

 

Es gab mal Zeiten, da man von Dramaturgen erwarten durfte, dass sie – die Berufsbezeichnung deutet darauf hin – Dramen ausfindig machen und für eine Inszenierung bearbeiten. Im Alten Schauspielhaus in Stuttgart sind für die kommende Spielzeit sieben Premieren angekündigt. Darunter befinden sich genau zwei Dramen. Der Rest: ein Musical, eine Bearbeitung des Films Das Leben der Anderen, sowie Bearbeitungen der Erzähltexte Die Buddenbrooks von Thomas Mann, Der Prozess von Kafka und Ein fliehendes Pferd von Martin Walser. Gerne wüsste man, was das Theater diesen Texten hinzufügen kann, damit sie einerseits die Vorlagen und andererseits für die Bühne geschriebene Stücke ausstechen. Denn dass man Romane und Filme für die Bühne adaptieren müsse, weil keine guten Dramen existierten, ist purer Unsinn. Dass keine Dramatiker mehr mit Sinn für Geschichte und gesellschaftliche Probleme aufzutreiben seien, ist reiner Unsinn. Eben erst hat Marius von Mayenburg bei den Salzburger Festspielen mit seinem Stück Der Stein den Gegenbeweis angetreten.

Es gab mal Zeiten, da man von Literaturwissenschaftlern erwarten durfte, dass sie korrektes Deutsch schreiben, dass sie etwa Fremdwörter identifizieren und Pleonasmen vermeiden können. Von Gerda Hagenau stammt das Buch Polnisches Theater und Drama: Ein integraler Bestandteil europäischer Theaterkultur 1775-1997 – und kein Lektor fragt nach, wie ein nicht integraler Bestandteil auszusehen habe. Eine Grazer Diplomarbeit trägt den Titel Die English Stage Company von 1956 bis heute und Polly Stenhams Stück „That Face“ als exemplarisches Beispiel – und kein Betreuer hat an einem beispielhaften Beispiel etwas auszusetzen.

Ute Huber, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Elfriede Jelinek Forschungszentrums, teilt uns mit: „Als ich begriffen hatte, dass weibliche Aggression nicht ausschließlich und notwendigermaßen mit gesellschaftlicher Isolation sanktioniert wird, hat es auch funktioniert, den Dingen ins Gesicht zu sehen.“ Will sie wirklich sagen, dass weibliche Aggression in der Regel mit gesellschaftlicher Isolation gebilligt, bestätigt, gutgeheißen wird, oder meint sie nicht vielmehr das genaue Gegenteil? Dass man nicht sanktioniert, was man mit Sanktionen belegt: wen juckt’s? Germanistinnen und Germanisten stammeln dahin, unbekümmert um korrektes Deutsch: eine „andere Alternative“ (auch so ein gebräuchlicher sprachlicher Nonsens) kennen sie nicht.

Aus der Dokumentation einer „schon bereits“ weiter zurückliegenden Ringvorlesung der Universität Innsbruck stammt der Satz: „So wird aus Adalbert Stifters Reflexionen, die die Arbeit an seinem historischen Roman ‚Witiko’ begleiten, deutlich, dass er in der Geschichte nach dem Wirken einer höheren Macht, eines Sittengesetzes, Ausschau hält, das die Übertretung moralischer Grenzen sanktioniert, dass er Geschichte als Ergebnis bewussten Handelns begreift – ganz wie bei Thukydides wird sein Roman über weite Strecken von Rede-Szenen getragen – und dass er die mittelalterliche Geschichte Böhmens als mahnende Zeitkritik gestaltet.“ Auch Stifter also sucht nach der Bestätigung statt der Bestrafung von moralischen Verstößen.

In der Unbeholfenheit der Sprache manifestiert sich die Gedankenarmut. Innsbrucker Ringvorlesungen scheinen sich als Beleg bevorzugt zu eignen. Zitieren wir aus einem eine solche Veranstaltung verwertenden Sammelband zum Thema Literaturverfilmung. Da heißt es zu Gripsholm: „In der Summe wird man diesen Film als ambitionierten und sehenswerten Versuch der freien Adaption eines literarischen Stoffes bewerten können, ohne dass er es schafft, so eigenständig und überzeugend wie seine Vorlage zu sein.“ Zu Der Tod in Venedig: „Unterscheiden muss man zwischen der die Bilder begleitenden Musik und derjenigen, die auf der Szene selbst dargeboten wird.“ Zu Es geschah am hellichten Tag: „Im Film erfährt der Stoff eine unvermeidliche Reduktion, vor allem in Hinsicht auf Perspektive und Gestaltung der Charaktere.“ Zu Verfilmungen von Kafkas Schloß: „Kaum ein Kafka-Leser findet in einer Kafka-Verfilmung seine persönliche Rezeption eines Kafka-Werks wieder.“ Leider ist dieser Satz in jeder Hinsicht repräsentativ für die meisten Beiträge des Bandes. Um es unverblümt auszusprechen: die stilistische Unbedarftheit, die immerhin bestallte Literaturwissenschaftler da an den Tag legen, kann einen nur mit barmherziger Nachsicht für deren Studenten erfüllen.

Der Herausgeber spricht in seinem eigenen Beitrag zu Gripsholm von einem „relativ willkürlich gewählten Beispiel“. Relativ im Vergleich womit? Willkürlich sind alle Beispiele des Bandes. Eine Konzeption ist nicht zu erkennen, außer dem Zugeständnis an die Nationalliteraturen, die von den Vortragenden gelehrt werden. Zwei Vorlesungen beschäftigen sich mit Michael Haneke, aber sie scheinen nichts voneinander zu wissen. Und wieder: ein sprachliches Niveau, das man bei Proseminararbeiten zurückweisen würde. „Hanekes nicht-psychologische Filmästhetik berührt sich“ – nicht etwa mit der Ästhetik von Elfriede Jelineks Klavierspielerin, sondern, man höre und staune – „mit der Autorin der Klavierspielerin“.

Da die Beteiligten an der Ringvorlesung sich offenbar nicht die Mühe machten, die Beiträge ihrer Koreferenten zur Kenntnis zu nehmen und darauf zu reagieren und auch bei der Redaktion auf wünschenswerte Eingriffe verzichtet wurde, gibt es in den allgemeinen und medienhistorischen wie forschungsgeschichtlichen Ausführungen zahlreiche Wiederholungen. Dazu gehören auch Plattitüden wie diese: „Man sollte sich aber bei der Bewertung des Films nicht von der Vorstellung leiten lassen, dass es sich dabei um ein Verhältnis von Original und (schlechter) Übersetzung handle.“ Diese verbreitete Vorstellung hat im Übrigen ihre Ursache. Häufig trifft sie tatsächlich zu, und häufig haben Lektionen zur Literaturverfilmung genau diese Vorstellung bestärkt.

Und wie lassen sich die beiden Aussagen in ein und demselben Aufsatz vereinbaren, wonach der Bereich der Literaturadaption erst in jüngster Zeit als Forschungsgebiet ernst genommen worden sei und „die Adaptionsforschung von Beginn an – also eigentlich seit den frühesten Anfängen des Films – eine Vielzahl von Entwicklungen durchgemacht“ habe?

PISA führt in die Irre. Wie sollen Schüler und Studenten beherrschen, was bei ihren Lehrern, bei Redakteuren, Dramaturgen, Lektoren längst nicht mehr vorausgesetzt werden kann? Ist es bürgerlicher Bildungshochmut, wenn man derlei bemängelt? Bildungshochmut ist es, wenn man meint, Kenntnisse über spezifische Möglichkeiten von Genres oder Sprachbeherrschung seien verzichtbar. Von Bildungshochmut zeugt die Gleichgültigkeit, mit der Akademiker den Nachwuchs einem unzureichenden Bachelor-Studiengang überlassen. Wer einen Roman, wenn überhaupt, im Theater und ein Theaterstück im Kino kennen lernt, wird weder das Theater, noch das Buch, noch den Film als Medium begreifen. Die Ironie eines Thomas Mann oder eines Martin Walser, also genau genommen gerade das, was die Qualität ihrer Romane und Erzählungen ausmacht, geht verloren, wo es, wie im Drama, keinen Erzähler gibt. Und wer die Sprache nicht beherrscht – wohlgemerkt: die eigene, die Muttersprache –, der denkt auch schräg. Grammatik und Wortwahl stehen nicht zur Disposition. Sie sind Ausdruck von Strukturen und Bedeutungen, und diese wiederum erschließen sich nur über eine korrekte Grammatik, eine differenzierte Wortwahl.

Die Schludrigkeit des Umgangs mit Sprache und kulturellen Kategorien im Rundfunk und in den Zeitungen hat sich längst ausgewirkt. Wer darauf hinwies, galt als Kulturpessimist, gar als Beckmesser. Jetzt haben wir den Salat. Freilich, es geht auch so. Aber wer sich mit diesem Zustand abfindet, soll zumindest eingestehen, dass er sich vom Menschenbild der Aufklärung verabschiedet hat. Selbstverschuldete Unmündigkeit? Na und? Ist sie nicht integraler Bestandteil einer Konsumgesellschaft, der Mündigkeit nur im Wege steht – um ein exemplarisches Beispiel zu nennen.

Thomas Rothschild

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