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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:03

Festival im "Amos Oz-Nebel"

10.11.2008

Faszinierend

THOMAS ROTSCHILD kratzt am Image von Amos Oz.

 

Wir wollen hier, so sehr ihn das kränken mag, einmal nicht von Henryk M. Broder sprechen, der sich lieber zum angeblichen Antisemitismus israelkritischer Juden äußert als zum Aachener Friedenspreis für die jüdisch-israelische Frauengruppe Machsom Watch, die sich ihrerseits für eine menschenwürdige Behandlung von Palästinensern einsetzt – obwohl ich ja gerne von ihm erfahren hätte, ob seine Kritik der Toleranz gegenüber Intoleranten auch jene betrifft, die in ihren kanonischen Schriften Homosexuelle zu Sündern erklären und somit ausgrenzen, also gegenüber gläubigen Christen, Juden und Muslimen. Stattdessen kratzen wir am Image eines Amos Oz. Dass einer nicht so wild um sich schlägt wie Broder, macht ihn noch nicht zu einem Friedensengel.

Eigentlich sollte man sich über nichts mehr wundern. Aber lachen darf man schon über die Komik der Eitelkeit, die selbst intelligente Menschen ihres kritischen Verstands beraubt.

Amos Oz schreibt über die Veranstaltung „Literatur im Nebel“, die vor einem Jahr im niederösterreichischen Heidenreichstein stattfand, sie sei "das bei weitem faszinierendste Festival, das ich je erlebt habe".

Und so sah das Programm des Events aus, das Amos Oz so sehr entzückt hat:

Samstag, 27. Oktober
17 bis 19 Uhr Leben und Schreiben in Israel
Einführende Lesung von Eva Mattes
Vortrag Doron Rabinovici
Amos Oz im Gespräch mit Ben Segenreich
Das Gelobte Land - es lesen Gert Jonke, Karl Markovics, Elisabeth Orth
20 bis 22 Uhr Israel
Bericht zur Lage des Staates Israel/ Wie man Fanatiker kuriert mit Gustav Ernst, Sabine Gruber, Silke Hassler, Peter Henisch, Paulus Hochgatterer, Anna Mitgutsch, Thomas Sautner, Gerhild Steinbuch, Peter Turrini und Amos Oz
Jude sein - Lesung von Peter Simonischek (für den Karl Markovics einspringen musste)

Sonntag, 28. Oktober
17 bis 19.30 Uhr Familiengeschichten
Wie ich zum Schriftsteller wurde mit Andrea Eckert, Roland Koch
Vortrag von Klaus Amann
Amos Oz im Gespräch mit Anita Pollak
Familiengeschichten - Lesungen von Brigitte Karner, Dietmar König, Robert Schindel
20.30 bis 21.30 Uhr Liebesgeschichten
Erste Liebe - Lesung von Senta Berger und Amos Oz

Zwei Tage lang durfte Amos Oz reden und zuhören, wie andere seine Texte vorlasen oder über ihn redeten. Er musste, anders als bei den üblichen Literaturveranstaltungen, nicht so tun, als interessiere er sich für die Produktion anderer Autoren, er musste sich für nichts und niemand interessieren außer für sich selbst. Kurz: er dufte sich huldigen lassen. Faszinierend.

Bei diesem Oz-Festival im Nebel wiederholte Amos Oz sein schon mehrfach publiziertes Plädoyer für den Kompromiss. Der israelische Konflikt zwischen Juden und Palästinensern gleiche nämlich dem Konflikt zweier Männer, die dieselbe Frau lieben. Es gehe in Israel um eine Immobilie und ihre Teilung. Der Konflikt lasse sich nicht lösen, indem sich zwei Gegner zu einer Tasse Kaffee zusammensetzen. Es gehe nicht darum, sich gegenseitig zu verstehen, sondern eben um einen Kompromiss.

Die Anwesenden überschlugen sich vor Begeisterung. Die Vergleiche fanden sie so schön, dass sich keiner die Mühe machte, darüber nachzudenken, ob sie auch stimmten. Wie sollte ein Schriftsteller über so viel Sympathie und Zustimmung (mit Kaffee, versteht sich) nicht in Euphorie geraten? Hätte Amos Oz, der immerhin zu den aufgeklärteren israelischen Juden zählt, das Festival auch in so hohen Tönen gepriesen, wenn da jemand gewesen wäre, der ihm die folgenden Fragen gestellt hätte:

Wie sollte der Kompromiss zwischen zwei Männern aussehen, die dieselbe Frau lieben? Spielt es bei der Teilung einer Immobilie keine Rolle, wer zuerst darin gewohnt hat? Wie soll jemand zum Kompromiss verführt werden, wenn man nicht zuvor das gegenseitige Verständnis fördert? Und wer bestimmt die Bedingungen für den Kompromiss? In der Regel ist es der Mächtigere. Ganz ohne Kaffee wird es nicht abgehen. Denn wo man nur redet und nicht zuhört, kommt auch kein Kompromiss zustande. Und schließlich: Muss man sich vor Begeisterung überschlagen, wenn jemand ausspricht, was vernünftige Menschen seit Jahrzehnten fordern: dass es einen palästinensischen Staat geben und die Sicherheit des Judenstaats garantiert werden muss? Wie bescheiden sind jene, die Oz für das Selbstverständliche loben, nur weil irgendwelche Idioten es nicht anerkennen wollen!

Amos Oz jedenfalls hat es gefallen. Wie gerne hätten wir von ihm erfahren, dass er die weltweite Lesung aus dem Werk Mahmoud Darwish, die am 5. Oktober stattfand, für die bei weitem faszinierendste Lesung halte, die er erlebt habe.

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