Seit 59 Jahren vergibt der Verband der Deutschen Kritiker Preise in neun Sparten – in diesem Jahr das erste Mal unter der Leitung des neuen Vorsitzenden Wend Kässens. Für Orientierung möchte man sorgen, so Kässens in seiner Eröffnungsrede, das Leise, Sensible, das Abgründigen soll gestärkt werden, damit es nicht untergeht neben dem, was sich medienwirksam und allzu spektakulär inszeniert. Denn: „Wie marktfähig, wie eigenwillig und eigenständig, wie frei und offen, wie differenziert und vielschichtig die Künste sind – das interessiert die ernstzunehmende Kritik. Deshalb gibt es den Deutschen Kritikerverband und die Kritikerpreise.“
Ursula Krechel bekam den Preis in der Sparte Literatur für Ihren Roman Shanghai fern von wo, der sich einem bisher vernachlässigten Aspekt des deutschen Exils während der nationalsozialistischen Jahre widmet.
In der Begründung heißt es: „Krechel schafft aus den historischen Fakten eine poetisch vibrierende Textur aus wild schlingernden Lebensgeschichten. Sie entfaltet tragikomisch grundierte und oft ins Nichts führende Überlebensstrategien von Menschen, die radikal ihrer Wurzeln beraubt wurden und sich völlig neu erfinden mussten. Es gelingt ihr, aus der Lebensgeschichte einiger weniger Hauptfiguren ein komplexes zeitgeschichtliches Panorama zu entwickeln“.
“Ort zum Auf-den-Putz-Hauen“
Der Preis in der Sparte Theater ging an Tobias Wellemeyer, den Generalintendanten des Theaters Magdeburg. „Er will das Theater als einen für jedermann offenen Ort: Zum Heimisch-Fühlen, Ängste-Teilen, Neues-Lernen, zum Auf-den-Putz-Hauen, Heulen, Kichern oder auch mal nur so zum Beieinander- und Glücklichsein“ heißt es in der Begründung. „Das Stadttheater als Antidepressivum. Und Gesamtkunstwerk. Also nicht nur ‚soziale Plastik‘, nicht nur feinnervige Seelenerkundung, politischer Aufklärungstrieb oder Nachhilfeunterricht, sondern immer auch: prall gefüllte Wundertüte“.
Weiter wurden ausgezeichnet: Kuehn Malvezzi (Architektur), Ulrich Wagner (Bildende Kunst), die Sendung KULTURZEIT (Fernsehen), die Produktion Auge in Auge von Michael Althen und Hans-Helmut Prinzler (Film), Barbara und Winfried Junge (Ehrenpreis Film), die Produktion Haus aus Stimmen (Hörfunk), Lothar Zagrosek (Musik) und Heinz Spoerli (Tanz).