Einmal, ein einziges, fürchterliches Mal denke ich mir die Einleitung nicht aus: Ausgerechnet über meinem Text für diese Kolumne saß ich am Dienstagnachmittag, und hatte das Radio an. Eine halbe Seite war fertig, als in den Nachrichten eine Meldung seltsam unkoordiniert vorgelesen wurde. Ein Unfall, so schien es, von dem man im folgenden noch hören würde. Ich schrieb weiter.
Stunden und eine biblische Live-Show später, in deren Verlauf Explosionen wie apokalyptische Torraumszenen geschildert wurden, war es noch immer ein Unfall; doch inzwischen ein persönlicher. Ich war mit Höchstgeschwindigkeit in die Fiktionalität gerast und eine Rückkehr war nicht möglich.
Die Inszenierung schien allzu bekannt: Ein weiteres maßloses Unglück im Zentrum der Maßlosigkeit: Manhattan brennt - daran hatte man sich gewöhnt. Der Topik entsprechend hieß es zehn Minuten später, auch das Pentagon stehe in Flammen. Nach weiteren zehn Minuten näherte sich angeblich ein zweiter Jet. In Pennsylvania sei außerdem eine 747 abgestürzt.
Mittlerweile dachte ich, gleichzeitig gefesselt und ungerührt, an einen Nachfolger von Orson Welles. Ich verfolgte ein Hörspiel, mit der reflektierten Ruhe des Ungläubigen. Auf Welles Radiosendung über eine fiktive Invasion von Außerirdischen waren damals Hunderte in Panik ausgebrochen. Vor aller modischen Medienkritik hatte er stattfinden lassen, was nicht stattfand. Dies nach Baudrillard erneut zu tun, kam mir seltsam ideenlos vor.
Bald darauf sah ich die Fernsehbilder. Doch auch jetzt passierte nichts, kein Wechsel von Fiktion zu Realität. Sie verschoben nur das Genre: Über der kulissenhaftetesten aller Städte hatte man den Crash eines Verkehrsflugzeugs gefilmt, in die Seite eines Gebäudes, an das es mir schon immer schwer gefallen war zu glauben. Dazu der Präsident in einem Bunker in Nebraska, das gesamte offizielle Amerika evakuiert, die Börsen im freien Fall. Profunder Ignorant von Katastrophenfilmen, der ich bin, wartete ich auf den Schnitt zu Blofelds beringten Fingern im Fell einer Siamkatze.
Er kam nicht, ebensowenig wie die Rettung. Bond blieb verschwunden. Die Sondersendungen hörten nicht auf, auch nicht in Amerika, wie meine Schwester am Telefon mitteilte. Schließlich erzählte mir ein Freund, die Schwägerin eines Bekannten habe sich aus Manhattan gemeldet: sie sei wohlauf. Natürlich war auch das medial vermittelt - um den erschütternden Restglauben in die Repräsentation kam ich trotzdem nicht herum.
Man könnte sich faszinieren lassen vom Erschrecken über das Zerfließen der Erkenntnis. Allein unsere umgestülpte Skepsis wäre dabei hochinteressant. Wo wir bislang, vom Golfkrieg bis zum Kosovo, an der Realität des Gezeigten immer mehr zweifelten, stand nun plötzlich, in schauriger Umkehrung, die Fiktion am Anfang und wurde Schritt für Schritt zur schrecklichen Wirklichkeit.
Man könnte polemisieren über die Ironie einer Kulturindustrie, deren einfältigste Filme sich plötzlich als Prophetien erweisen. Über den Zynismus der internationalen Finanzmärkte mit ihren an die Katastrophe gekoppelten Entwertungen und Zuwächsen. Über die allesresistente Ästhetisierung durch Medien, die mit nur minimaler Verzögerung ein verkaufsförderndes Logo für den Terror-GAU präsentierten. Man könnte schließlich spätmodern raunen vom Verschwinden New Yorks und der abgründigen Symbolik, die in der Zerstörung einer Skyline die Silhouette eines neuen Zeitalters aufblitzen lässt.
Man könnte, ließe nur der Tod sich zur kulturellen Erscheinung dekonstruieren. Doch der bleibt ahistorisch, unbegreiflich und maßlos real. Über Tausende Tote lässt sich nicht parlieren. Auch wenn man nicht an sie glauben will.
Mathias Tretter