Fehler & Korrektoren. - In einem Artikel des gebildeten Essayisten Stephan Wackwitz, der am 24. 9. 10 im Feuilleton der Hamburger Tageszeitung “Die Welt” erschien, fordert der Autor am 70. Todestag des modisch missbrauchten Walter Benjamin: “Rettet ihn vor seinen Fans!”
Im Verlauf seiner autobiografisch unterfütterten Ausführungen, mit denen er den poetischen Schriftsteller vor dem fatalen Zugriff jener “retten” will, die in Benjamins aphoristischen Dikta, Metaphern, Begriffen & Allegorien fälschlicherweise “Erkenntnisse” mit wissenschaftlich erwiesenem Wahrheitsanspruch sehen, plädiert er dafür, ihn künftig “als dritten und vielleicht originellsten Kopf in einer Dreifaltigkeit literarischer Größen neben Kafka und Robert Walser zu stellen“.
Wackwitz fährt dann fort: man solle doch bitte damit aufhören, aus Benjamins “verzwickt-geistvollen, aber fast durchgehend falschen Theorien den verschwiemelten Theoriequark anzurühren, als dessen Zutatenlieferant er immer noch herhalten muss”. Um seinem Wunsch beispielhaft Nachdruck zu verleihen, erwähnt Wackwitz, dass man Goethes wissenschaftlich falsche ”Farbenlehre” oder Dantes “Divina Commedia”, die “auch einmal als wissenschaftliche Weltbeschreibung gemeint war”, heute ja nur noch wegen ihrer Poesie lese, wie man das ja auch mit “Wilhelm von Humboldt, einem der größten Naturwissenschaftler seiner Zeit,“ halte, dessen “südamerikanischen Reiseberichte man nicht mehr aus naturwissenschaftlichem Interesse (lese), sondern weil er einer der größten Prosaschriftsteller seiner Zeit gewesen ist”.
Nun weiß natürlich Stephan Wackwitz, dass er nicht Wilhelm, den preußischen Bildungsreformer, sondern seinen berühmteren Bruder, den weltreisenden Naturforscher Alexander von Humboldt meint. Und der selbst welt- und weitgereiste Wackwitz (er arbeitet seit langem beim Goethe-Institut) hat die Vornamen der Brüder gewiss deshalb “velwechsert” (um es mit Ernst Jandl zu sagen), weil er kurz zuvor den Benjamin-Missbrauch in universitären Moden lokalisierte.
Selbstverständlich können derlei Fehler jedem passieren. Und sie tun es auch. Deshalb gab es ja einmal in Zeitungen die Korrektur oder in Verlagen das Lektorat. Es wird also wohl doch jemand vom Feuilleton der “Welt” den Beitrag von Wackwitz gegengelesen haben, bevor er in Druck ging: wenn bloß oberflächlich, dann wär´s eine Missachtung des Autors; wenn aber bei eingehender Lektüre vom Kollegen/Korrektor die Namensverwechslung nicht bemerkt wurde, muss man davon ausgehen, dass er´s nicht besser wusste. Wackwitz aber, wenn er sich gedruckt liest, wird sich blamiert fühlen - allerdings nur bei kundigen Lesern, deren verständnisvollste ihm insgeheim zulächeln dürften.
Was aber liegt hier vor? Eine Passage aus Fritz J. Raddatz´ “Tagebüchern”:
Mit Joachim Kaiser bei Mozarts “Konzert für Klavier” und Schuberts “Symphonie Nr. 9” (“aufgefunden”) - reich und bewegend und freundschaftlich.
Ganz offensichtlich spricht hier ein musikalischer Ignorant. Ob es überhaupt ein Musikstück gibt, das “Konzert für Klavier” heißt, weiß ich nicht; gemeint wird wohl eines der 30 Klavierkonzerte von Mozart sein; und das merkwürdige “aufgefunden” bezieht sich wahrscheinlich darauf, dass Schuberts große C-Dur Symphonie von Schumann im Nachlass Schuberts aufgefunden und 11 Jahre nach Schuberts Tod von Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig uraufgeführt wurde.
Nun kann man sagen, der Tagebuchschreiber habe nur flüchtig den Konzertbesuch notiert, weil es ihm mehr um das angenehme Gespräch mit dem Kollegen ging. Hätte dann aber nicht genügt: “Mit J.K. in Konzert (Mozart/Schubert) - reicher, bewegender und freundschaftlicher Abend”? Nun gut: FJR wollte es anders. Hätte ihm aber nicht dann ein Lektor sagen müssen: Lassen Sie das, Sie blamieren sich (wieder einmal) als Ignorant?
Als der französische Filmregisseur Claude Chabrol starb - immerhin einer der Großen des Weltkinos - hörte ich, wie ihm im ZDF seine läppische Verfilmung von Henry Millers “Stille Tage in Clichy” als Referenzfilm für sein Oeuvre zugesprochen wurde, was ebenso idiotisch ist, wie wenn man bei Goethes Tod ihm als Autor des “Großkophta” und des “Bürgergenerals” nachgerufen hätte. Wahrscheinlich stammte die im ZDF verlesene Meldung von der dpa - und keiner der Nachrichtenredakteure hatte (noch) eine Ahnung, wer Chabrol einmal war.
Gleiches muss man allerdings jetzt auch, anlässlich von Chabrols Tod, den für den Umbruch verantwortlichen Feuilletonredakteuren der FAZ unterstellen. Zwar hatte das Weltblatt den Tod Chabrols auf der 1. Seite mit einem Chabrolbild gemeldet, dann aber - “schrecklichster der Schrecken” - den kundigen Feuilleton-Nachruf Andreas Kilbs (Berlin) in der Frankfurter Zentrale mit einem großen dreispaltigen Bild “illustriert”, das nicht (wie dessen Untertitel lautete) “mit dem Blick des Amoralisten: Claude Chabrol bei Dreharbeiten im Jahre 1993” zeigte, sondern offenbar aufgrund der Unkenntnis der diensthabenden Feuilletonmannschaft, den mit seiner Baskenmütze und einem weißen Megaphon charakteristisch versehenen Federico Fellini, der wohl mit Leidenschaft eine seiner Massenszenen in Cinecittà dirigiert - allerdings nicht mehr 1993, in seinem Todesjahr! Peinlicheres hätte der FAZ-Filmredaktion nicht unterlaufen können.
Wie kann so etwas passieren? Seit der “Druckfehlerteufel” nicht mehr zu Hilfe gerufen werden kann, “technisches Versehen” noch nicht ganz & gar zutrifft, muss man ja wohl annehmen, dass sowohl der Umbruchsredakteur als auch der zuletzt gegenlesende Kollege keine optische Erinnerung oder Ahnung mehr vom Aussehen Fellinis hatte, der seit 17 Jahren tot ist. Vielleicht aber waren beide FAZ-Redakteure identisch, nämlich nur einer; denn an Redakteuren wird auch bei der FAZ gespart. Man muss weder ein “Korinthenkacker” noch einer jener immer besserwisserischen Leser sein, dessen Charaktertypus das Internet mit seinen direkten Einspruchsmöglichkeiten & der dabei erlaubten Anonymität triumphal zur Massenexistenz verholfen hat, um die Filter- & Schleusenfunktion der Korrektur im Gutenbergzeitalter als eine dahingegangene zivilisatorische Errungenschaft zu erkennen, die Schreibern wie Lesern vor Blamagen, Hohn & Missgunst geschützt hatte.
