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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:19

Kennzeichen T - 16.10.2010

16.10.2010

33 Einheiten Humankapital

Die Wirtschaftsteile sind derzeit voll davon: Immer mehr Anleger fliehen vor der Inflation, und zwar ins Gold, wie es heißt. Der Goldpreis erreicht momentan Rekordhöhen. Wirtschaftlich ist es daher mehr als unvernünftig, Menschen aus dem Gold zu holen. In Schwellenländern, die ökonomisch schon immer ein bisschen gaga waren, passiert sowas natürlich trotzdem. Zuletzt hat Chile dreiunddreißig Männer aus dem Gold gezerrt, das ihnen Schutz geboten hätte: In siebenhundert Meter Tiefe traut sich keine Inflation.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Jetzt sind sie wieder dem Markt ausgeliefert. Und der fängt sofort an, Fragen zu stellen: Freudentränen schön und gut – aber was nach der global gezeigten Minen-Havarie doch eigentlich interessiert: Wie sicher ist das Edelmetall jetzt noch? Kann ich als Anleger noch darauf vertrauen, dass mich die Feinunze vor dem Euro rettet? Oder ist ein Nugget bald nur noch ein Gehsteighäufchen aus dem Darm der Erde? Manche raten schon zu Immobilien - die stürzen zwar auch ab und zu ein, aber da muss man wenigstens nicht bohren.

 

600 Euro haben die Minenarbeiter im Monat gekriegt. Soweit war das für Anleger vertretbar. Aber 20 Millionen für die Erhaltung dieser 33 Einheiten Humankapital – das ist nicht darstellbar. Man hätte es vorher wissen können. Bergbauprodukte schwächeln schon seit längerem. Speziell in Deutschland. Hier wird grade die Kohle abgewickelt. Mir war das gar nicht klar, dass in diesem Land überhaupt noch Männer Brocken aus der Erde kratzen. ‚Kohleabbau’, das war für mich ein Synonym für Investmentbanking. Ich dachte, spätestens mit der DDR sei das Buddeln ein für alle mal verschwunden. Ich wohne ja in Leipzig. Hier waren Kumpel regelmäßig in der Grube eingeschlossen. Und das im Tagebau. Aus nationaler Sicht wäre ein Bergwerksunglück natürlich eine Maßnahme. Wenn beim Rückbau in Ibbenbüren so ein Stollen kollabiert – in Chile hat es auch das Land vereinigt.

 

Aber wenn Sie Anleger sind, gibt’s jetzt nur eins: Raus aus dem Gold, rein in die Medienkonzerne. Seit dem 11. September gabs nicht mehr so einen Reibach. CNN, Al-Dschasira, Pro Sieben – alle waren vor Ort. Im so genannten ‚Camp der Hoffnung’. ‚Big Brother’ hieß das früher. Sogar das chinesische Staatsfernsehen hat sich nach Chile durchgerungen, obwohl die Befreiungen gar nicht gerne zeigen.

 

Die Medienanalysten schwärmen: San José ist eine Goldgrube! Die Filmrechte sind verkauft, ein deutscher Sender hat angeblich einen sechsstelligen Betrag für den Auftritt eines Minenarbeiters in einer Talkshow geboten – das nenn’ ich standesgemäßen Zynismus: Jemandem, der grade erst aus 700 Metern Tiefe zurückgekehrt ist, gleich mal zeigen, was wirklich unterirdisch ist. Werbeauftritte wird’s natürlich auch ohne Ende geben. Minenarbeiter, die feststecken, da drängen sich die Claims ja geradezu auf:  „Wenns mal wieder länger dauert – schnapp dir ein Snickers.“ – „Wir machen den Weg frei“ - „Entdecke die Möglichkeiten“ – im Schutzraum mit Beistell-Tisch „Gunnerud“. – Der Bahn-Chef hat diese Woche eine flammende Rede zu Stuttgart 21 gehalten. Stellen Sie sich mal vor, direkt danach ein paar Bilder aus der Atacama-Wüste - Slogan: „Nicht jede Grube hat ihr Wunder. Aber jedes Wunder einen Grube. Deutsche Bahn.“

 

Und dann natürlich die Jahresrückblicke. Menschen 2010: Thomas Gottschalk kommt in der Rettungskapsel ins Studio gefahren. Menschen 2011: Was machen die Mineros heute? Menschen 2012: Ein Held von Chile hat wegen des Ruhms das Saufen angefangen und seinen Ferrari in einer Bordell-Einfahrt geschrottet. Die Ehefrau heult dem blonden Tommy auf den Auslegekragen: „Er ist tiefer unten, als ers damals war.“ Sensationell!

 

Irgendwann wird natürlich auch das wieder inflationär. Dann brauchts was Neues fürs Portfolio. Aber ich hab’ da keine Bedenken: Allein das Weltklima hat ein paar geile Profitmargen in petto.


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