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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:22

Kennzeichen T - 15.01.2011

15.01.2011

Der Genitiv ist dem Vergleich sein Fantasialand

Erinnern Sie sich noch an Julian Assange? Der Mann galt einmal als Revolutionär. Das war letztes Jahr. Inzwischen taucht er nur noch in der Yellow Press auf. Als so eine Art Kachelmann-Avatar. Die taz führt ihn diese Woche auf Seite vierzehn. Er hat irgendwo gesagt, Schweden sei das Saudi-Arabien des Feminismus. Mit solchen Genitiven lässt sich arbeiten.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Portugal wird grade zum Irland des Euro. Vorher war Deutschland die Schweiz der Griechen. Das Außenministerium ist die Sahel-Zone der FDP, Niedersachsen das Seveso der Viehhaltung, und die taz das Leitleporello der Lehrer-Lämpel-Linken.

 

Aber selbst der taz ist nicht entgangen, dass Wikileaks nur noch unhippes Netzdaddeln ist. Der Aufstand findet jetzt woanders statt. Retro ist das neue Cool. Laptops dienen bald nur noch als Wurfgeschosse. Denn der Revolutionsmarkt holt sich die Straße zurück. Plötzlich ist alles wieder da: Pamphlete aus Frankreich – mit Titeln wie Der kommende Aufstand und Empört Euch! J’accuse! Venceremos! Wia sin’ das Völk! Das Ganze gedruckt und in Umschläge gebunden! Die revolutionäre Avantgarde steht Kopf: »PAPIER! – Scheiße, Alter, wie abgefahren ist das denn!?«

 

Frankreich war ja schon immer das Hollywood der Protestkultur. Immer Trendsetter – die Französische Revolution ist bis heute die Szenegröße, an der sich alle messen lassen müssen; immer eine gute Show, und immer ein bisschen doof. Die Krawalle in den Pariser Vorstädten, mit denen der Retrotrend angefangen hat: Ästhetisch, politisch und was die Pyro-Effekte betrifft - überhaupt nichts zu meckern. Aber eben dumm wie Weißbrot. Die Griechen haben gezeigt, wie man es richtig macht. Die sind in die Innenstadt von Athen und haben Edelboutiquen und Banken zerdeppert. Der Pariser Vorstadtknallkopf haut sein eigenes Viertel kaputt.

 

Der Tunesier dagegen ist der Osteuropäer des französischen Revoltierens. Wann hat man zuletzt von Selbstverbrennung gehört? Warschau 1968, Ryszard Siwiec. Prag ’69, Jan Palach. Zeitz ’76, Oskar Brüsewitz. Ich dachte immer, Ichverkokelung sei ein Produkt, das es nur im Ostblock gab. Sie kennen ja die Sprüche: »Was hättn wir denn sonst Anzinden sollen? Wir hatten ja nüscht!«

 

Und Nordafrikaner sind ja bisher auch eher durch Sprengungen hervorgetreten. Dort wird nicht lange gefackelt. Aber es geschehen Zeichen und Zunder: Auf einmal machen sie die eigene Person zur Brandbombe. Von wegen Ostblock. Das hat fast was Indisches: Ein gewaltfreies Selbstmordattentat. Die Maghrebiner sind die Gandhis des Talibanismus.

 

Dafür geht’s am Ganges inzwischen ganz anders zu. In Bangladesch, in der Hauptstadt Dhaka, sind grade enttäuschte Aktionäre durch die Straßen gezogen und haben Autos angezündet. Aktionäre in Bangladesch! Ich wusste gar nicht, dass es dort eine Börse gibt. Es hieß immer, die bauen Brunnen mit unseren Spenden. Man sollte wirklich mal über Entwicklungshilfe nachdenken: Kein sauberes Trinkwasser, aber hochvolatile Finanzderivate! Und sie haben sogar Autos, die sie abfackeln. Dhaka ist das Kreuzberg der geprellten Anleger. Klar, man muss auch ein Alleinstellungsmerkmal schaffen, mit seiner Protestaktion. Mit Hungerstreik kannst du in Bangladesch wenig reißen.

 

Der wäre eher für was andere Gegenden. Für die momentan aktivste Protestregion der Welt, zum Beispiel: Stuttgart. Hungernde Schwaben, das gab es seit dem Krieg nicht mehr, dem Dreißigjährigen. Es würde die Kassen entlasten, wenn die Spätzleplautzen auf ein lebenserhaltendes Maß reduziert werden; und, was noch viel wichtiger ist: Wir, im Rest von Deutschland, würden es uns alle gerne anschauen, wir, die Parias das Länderausgleichs, die seit Jahrzehnten von diesen Daimler-Schranzen gedemütigt werden. Wir würden die taz kommen lassen, nach Süden deuten und verächtlich konstatieren: Stuttgart 21 ist das Addis Abeba des Mehlspeisenverzehrs.


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